Vom Verlust der Unendlichkeit

Hört sich das ausreichend wehleidig an? Gut, denn das war ich die letzten Tage und daran könnt ihr jetzt teilhaben. Auslöser war ziemlich eindeutig die Abreise aus Darwin, die sich, von Katja und mir schon im Vornherein befürchtet, als ziemlich schlimm erwies. Nachdem wir dort anderthalb Wochen bei bester Unterhaltung verbracht und das Leben genossen hatten, fiel es uns nachvollziehbarer Weise ziemlich schwer, wieder auf die Straße zu ziehen – nicht nur, weil damit ein Ende der klimatisierten Unterkunft einherging. Die Herzlichkeit und quasi spontane Freundschaft, die wir zu unseren beiden Gastgebern aufgebaut hatten sollte nun schließlich sein Ende haben. Und als wir diese Tatsache so verdauten, machte sich bei mir allgemeine schlechte Laune breit. Meine Abneigung gegen Abschiede sollte mittlerweile bekannt sein, aber es war nicht nur das: Es hatte auf einmal etwas Endgültiges. Dan und James hab ich bisher noch jedes Mal wiedergesehen, und selbst der letzte Abschied war nur halbherzig für immer („Du kommst doch eh nochmal vorbei!“), dass ich in Nyabing nochmal vorbeifahre auch schon ein langgehegter Rundreisenabschlussplan meiner Seite… Mit der neuen Erkenntnis der Endgültigkeit setzte dann auch das Bewusstsein dafür ein, dass meine Reise sich nun unweigerlich einem Ende nähert: Es sind weniger als zwei Monate bis zu meinem Abflugtermin. Und jetzt kommen wir zu meiner schlechten Laune: Denn ich will nicht zurück. Ich will mich nicht verabschieden von dem Land, in dem ich immer sein wollte, und das jetzt, da ich hier sein kann, alles ist was ich je erwartete, manchmal ein bisschen weniger, oftmals sehr viel mehr. Das heißt nicht, dass ich euch nicht alle vermisse und mich nicht freue, alle möglichen Schandtaten in alten Kreisen zu unternehmen, ich habe auch ein ziemliches Bedürfnis, zur Abwechslung mal wieder sesshaft zu werden und mich mal in einem „richtigen“ Job zu versuchen: Aber ich muss das nicht notwendigerweise in Deutschland tun. Wenn ich ehrlich bin, wäre es mir momentan sehr viel lieber, wenn ihr einfach alle auch hierher zieht. Das Interessante dabei ist, dass ich das vor ein paar Monaten noch nicht vermutet hätte, zumal ich auch damals in den USA doch auch ein starkes Bedürfnis hatte, wieder heimzukehren. Doch sollte sich damals meine Unzufriedenheit in Heimweh wandeln ist es hier geradezu, als würde mein Fernweh in der Ferne noch weiter befeuert. Und auch wenn sich das sicher noch ein bisschen einkriegt, bevor ihr mich wiederseht, möchte ich doch zumindest mal zu Protokoll gegeben haben, dass es vermutlich nicht das Einfachste sein wird, wieder in den Flieger zu steigen.

Bis dahin ist aber wie gesagt noch ein bisschen Zeit, die ich gedenke zu nutzen – auch, damit ich euch hinterher spannendere Geschichten erzählen kann als „…und dann haben wir auf der Couch gesessen und rumgehangen.“ Was wir letzten Freitag gemacht haben. Obligatorische Kissenschlachten und nächtlicher Poolbesuch inklusive, wobei wir bei letzterem dann auch mal ein paar Exemplare des australiensis idiotus kennen lernen durften. Macht nichts, wir sind ja nicht auf den Mund gefallen und ich hab es prinzipiell sowieso noch immer verstanden, Leute mit meinem Gerede zu nerven. Sollte man nicht meinen, dass das mal ein nützliches Talent ist… Irgendwann an dem Tag stellten wir auch fest, dass das Bett, in dem wir vorher eine Woche problemlos geschlafen hatten, aufgrund einer ziemlichen Kaputtheit leicht auseinanderbricht – was mich jedoch vielmehr schockierte war die Tatsache, dass wir uns in einem Soldatenhaushalt aufhielten, und offensichtlich niemand auf die Idee gekommen war, Panzertape einzusetzen…

Gesucht ist eine Wortgruppe, welche die Vermessung eines Horizont umschreibt.

Gesucht ist eine Wortgruppe, welche die Vermessung eines Horizont umschreibt.

Sehr viel aktiver war dann doch der Samstag, was nicht unbedingt an seiner vorhersehbaren Planbarkeit lag. Eigentlich um halb zwei nachmittags bei Cyndel einbestellt, wurde das ein wenig angepasst und sie sowie ihr gerade frisch wieder eingetroffener Freund fanden sich um vier bei uns ein – und holten uns ab zum Bogenschieß- und Minigolfnachmittag. Zu sechst zogen wir also los, teilten uns aber vor Ort doch wieder auf, weil Matthew (so der Rufname von Cyndels besserer Hälfte) und Brad lieber ihren Golfabschlag trainieren wollten, während Katja, Cyndel, Brayden und ich uns Pfeil und Bogen zuwandten. Wir bekamen eine kurze Einweisung, durften zwei Proberunden schießen, bevor wir dann in einem erbitterten Kampf um Sieg und Niederlage ermittelten, wer der beste Bogenschütze der Gruppe ist. Najagut… ganz so hart ging es vielleicht doch nicht zur Sache. Ich hab trotzdem gewonnen, muahahaharr. (Für die Freunde der Statistik unter uns: Cyndel 29 Punkte, Katja 30, Brayden 34, ich 37.)

Das wär ein richtig cooles Bild, wenn Cyndel auch mitgemacht hätte...

Das wär ein richtig cooles Bild, wenn Cyndel auch mitgemacht hätte…

Wir sammelten die anderen beiden ein und begaben uns zum Minigolfplatz, ein weiterer Tatort ultimativen Wettkampfgedankens. Will sagen, Matthew hat ganz schön geschummelt, Brayden meinte uns mit Spezialtaktiken beeindrucken zu müssen und Katja hat gewonnen.

Dank aktiver Mithilfe von Brayden schaffte es Katja nicht, sich aus diesem Bild zu drehen. Danke dafür. Wenn sich beim nächsten Mal dann noch jemand um Brad kümmern könnte...

Dank aktiver Mithilfe von Brayden schaffte es Katja nicht, sich aus diesem Bild zu drehen. Danke dafür. Wenn sich beim nächsten Mal dann noch jemand um Brad kümmern könnte…

Herrenrunde.

Herrenrunde.

Nachdem wir so also bewiesen hatten, dass Deutsche wirklich immer gewinnen müssen (hier Lacher einspielen), brausten wir dann wieder in die Innenstadt, versorgten uns mit Badeklamotten und alkoholischen Getränken und fanden uns am Pool von Cyndel und Matthew ein, wo wir im Wasser planschten während Brad, der Langweiler, am Barbeque stand und uns viel zu viele Wurstprodukte zurechtbriet. Es folgte ein Abend mit viel Essen, noch mehr Alkohol und neuen Trinkspielen und dann irgendwann ein Ende in einem Nachtclub nicht weit entfernt. Man könnte auch sagen, der Tag war ein woller Erfolg.

Umso schwerer fiel es uns dann am Sonntag eben, die Abreise vorzubereiten. (Am Kater lags definitiv nicht, ich hatte nämlich keinen.) Irgendwann hatten wir es dann aber doch geschafft, unsere Sachen zusammenzupacken, das Auto einzuräumen, mit den Jungs ein Gruppenbild zu schießen, selbiges im Kmart ausdrucken zu lassen, selbiges im Kmart korrekt ausdrucken zu lassen, Dankeschokolade einzukaufen, die Bilder mit Liebesbotschaften zu verzieren, noch ein wenig Zeit zu vertrödeln die Wäsche in den Trockner zu hauen, uns irgendwie zu verabschieden und dann, schweren Herzens aber doch, Richtung Kakadu National Park auf den Weg zu machen.

Abschiedsgruppenfoto: Einstellungsphase.

Abschiedsgruppenfoto: Einstellungsphase.

Abschiedsgruppenfoto, mit dem alle bis auf einen sehr zufrieden sind.

Abschiedsgruppenfoto, mit dem alle bis auf einen sehr zufrieden sind.

Wie wir später feststellten allerdings ohne Katjas neue Angel und zugehörige Haken, mein blaues Handtuch (schon wieder ein Handtuch liegengelassen?!?), sowie kleineren anderen Dingen, die uns mit zunehmender Distanz noch so einfielen. Wir wurden auf dem Weg aus Darwin raus dafür allerdings mit einigen Leuten überrascht, die wir nicht erwarteten jemals wiederzusehen: Den Radfahrern vom Threeways Roadhouse. Nee, echt jetzt? Doch, das waren die! Ebenfalls unterwegs gesehen: Zwei Schlangen, mittellang, olivgrün, nur einer konnte ich ausweichen. Upps, sorry! Gern überfahren hätte ich hingegen alle, ALLE Mücken, die uns an dem Abend noch heimsuchten.

Neue Woche, neuer Programmpunkt: Montag waren wir also hochmotiviert im Kakadu Nationalpark, ein Riesenpark, fehlt in keinem Reiseführer, überall beworben, bekannt für seine wunderschöne Natur, kultureller Wirkstätten der Aborigines und dieser malerischen Uranium-Mine. Moment mal… wie bitte?!?

Die Definition von Nationalpark finde ich hier jetzt doch ein wenig arg strapaziert...

Wie malerisch sie sich in die Umgebung einfügt…

Uranminensee. Fehlt nur noch der dreiäugige Simpsonsfisch.

Uranminenteich. Fehlt nur noch der dreiäugige Simpsonsfisch.

Wir wussten trotzdem nicht so recht, was wir denn jetzt so alles dort wann, wie und wo tun konnten, und fuhren erstmal zur Touristeninformation (wozu sind die schließlich da), wo wir herausfanden, dass wir nicht viel tun konnten. Also, die eine Straße zu der Hauptattraktionsgegend stand noch unter Wasser, allradtauglich, aber trotzdem zu tief für Donald – ich habe offensichtlich die welterste nichtschwimmende Ente in meinem Besitz. Das andere malerische Wasserloch – gesperrt wegen Krokodilüberbevölkerung nach der Regenzeit. Es blieb also nicht viel mehr, als im nahegelegenen Versorgungsort ein wenig zu essen, und dann rumzufahren und uns dann immerhin entschlossen auf einen Wanderweg zu machen, um uns einige der einmaligen Kunststätten der Aborigines anzusehen. Dabei fuhren wir an einigen kleinen Buschfeuern vorbei – eine Ansicht, die wir die folgenden Tage noch mehrmals haben sollten und die offensichtlich so sein soll. Also, die haben dort in den Nationalparks Ranger, die Feuer legen, damit Fauna und Flora sich schön entwickeln. Staatlich bezahlte Brandstifter. Find ich herrlich. In einem der Informationszentren wurden wir dann auch aufgeklärt, dass Aborigines ein Stück abgebrannte Erde als etwas Aufgeräumtes betrachten, was neues Pflanzenwachstum und Tiere anlockt. Man lernt nie aus.

Feurio!

Feurio!

Die Wandmalereien, die wir uns dann ansahen, fand ich wirklich beeindruckend, allerdings muss man zugeben, dass sowohl Katja als auch ich vom Weg dahin ordentlich geschafft waren. Bei knapp 40°C und einer gefühlten Luftfeuchte von 139%, die mich ernsthaft die Anschaffung von Kiemen in Betracht ziehen ließ, begleitet von einer Hundertschaft australischer Fliegen, konnten wir auf keinen Fall von uns selbst behaupten auch nur eine annähernd gute Figur abzugeben.

Sehenswert.

Sehenswert.

Frau, die das Feuer beherrscht. Vermutlich schuld an unseren Hitzewellen.

Frau, die das Feuer beherrscht. Vermutlich schuld an unseren Hitzewellen.

Wir gaben nach der ersten Stätte auf – nach gerade einmal 3,4km – und begaben uns zum nächstgelegenen Pool, den wir sogar gratis nutzen durften. Was wir ausgiebig taten. Mann, waren wir fertig. Nach einer weiteren Nacht im Kakadu Nationalpark, insoweit dann aber auch irgendwie bedient, von der Unzugänglichkeit der interessanteren Dinge eingeschränkt und unbegeistert, sowie den Nachwirkungen des Darwinentzuges leidend, fuhren wir dann doch lieber wieder aus dem Nationalpark raus, wo wir uns nach einem kurzen Auftankstopp einem letzten Mal der Entscheidung stellen mussten:

Ich überlege noch!

Ich überlege noch!

Es ging nach Katherine. Die, auf dem Weg nach Norden schon einmal kennengelernt, sollte uns auch runterwärts wieder gut gefallen – auch weil am Tag unserer Ankunft die thermischen Quellen des Ortes wieder freigegeben waren (diese Krokodile machen sich hier wirklich überall breit…). Dort genossen wir das Leben, bevor wir es dann im Pool unseres Caravanparks für die Nacht nochmal wiederholten. Der Caravanpark, Springvale Homestead, hat übrigens ein ganz interessantes Haustier: Elvis, das Süßwasserkrokodil. Ja, die haben mitten zwischen den Campsites, hinter dem Kinderspielplatz, neben dem Quellwasserpool, ein Krokodil sitzen. Dem du dich besser nicht unfreundlich näherst, sonst wirst du aus dem Park geworfen, nur das wir mal die Prioritäten geklärt haben.

Elvis lebt, bewegt sich aber nicht viel.

Elvis lebt, bewegt sich aber nicht viel.

Zur Abwechslung mal Blümchen.

Zur Abwechslung mal Blümchen.

Dass uns die Krokodile weiter begleiten und mitunter im Weg sind, mussten wir dann am nächsten Tag wieder feststellen, als wir gen Nitmiluk Gorge unterwegs waren – wo wir eigentlich die beinlose und eh viel coolere Erkundungsvariante angehen wollten: Kanufahren. Ist nicht, weil noch nicht wieder freigegeben nach der Regenzeit. Boooooah, menno. Aber nicht anschauen war ja nun auch keine Option, zum Einen, weil die liebe Maria den im Reiseführer rausgepickt hat, zum Anderen, weil man sich nicht schon wieder wegen ist-nicht vergraulen lassen wollte. Also wieder zu Fuß erkunden, und auch wenn wir diesmal nicht sehr viel weiter gelaufen waren als im Kakadu zwei Tage vorher (dafür aber mit deutlich mehr Höhenmetern), waren wir hinterher doch sehr viel weniger fertig. Und eine großartige Aussicht hatte man auch noch. In der Mittagshitze wollten wir dann aber doch nicht gleich übertreiben und entschieden uns gegen die nächste Wanderungsetappe, die nochmal 4km drangehangen hätte.

Gorge 1. Weiter kamen wir nicht.

Gorge 1. Weiter kamen wir nicht.

Nitmiluk National Park

Nitmiluk National Park

Zum Abkühlen ging es wieder in den Pool in Katherine, und dann ins klimatisierte Autochen, gen Western Australia. Die Strecke dorthin erwies sich auch als eine von wirklich ausgesuchter Schönheit, und insbesondere die Kimberleys, die wir dann heute erreichten, sind ein wahrer Augenschmaus und haben es gleich mal quasi im Vorbeifahren geschafft, auf meine Liste der beeindruckendsten Ecken der Welt zu rutschen.

Victoria River, noch nicht ganz Kimberleys

Victoria River, noch nicht ganz Kimberleys

Hier, Fotos.

Hier, Fotos.

Ooooooooooh....

Ooooooooooh….

Irgendwas scheint hier nicht zu stimmen...

Irgendwas scheint hier nicht zu stimmen…

Kimberleys im Sonnenuntergang.

Kimberleys im Sonnenuntergang.

Irgendwo am Straßenrand schafften wir es dann auch mal, uns der Aufgabe der lieben Linda anzunehmen, die offenbar von einem Bild kleiner Aboriginemädchen im Reiseführer so angetan war, dass sie von mir erwartete, mich genauso anzumalen. Liebste Linda, nackt in der Natur rumtanzen darfst du gerne selber, aber alles andere wurde vorbildlichst umgesetzt. Ich möchte gar nicht wissen, auf wie vielen Ebenen dass jetzt politisch unkorrekt war und mit welchen erbosten Traumzeitwesen ich mich da jetzt angelegt habe, aber für eure Unterhaltung bin ich ja zu vielen Schandtaten bereit, also bittesehr:

Traditionelle Sonnencremebemalung.

Traditionelle Sonnencremebemalung.

Mehr durch Zufall („Lass mal nach Wyndham hochfahren, haben doch sonst nichts zu tun…“) fanden wir heute dann noch die Grotte (englisch: „The Grotto“), ein kleines Wasserloch, irgendwo im Nirgendwo, nicht weiter beworben außer von einem einzigen Hinweisschild entlang dieses Nebenhighways ins ebendiese Nirgendwo. Mein absoluter Tageshöhepunkt heute, wenn nicht gar einer der Favoriten der ganzen Reise. Wunderschön, und quasi komplett ruhig und von ganz wenigen frequentiert, und ich behaupte noch nicht mal im Lonely Planet aufgeführt. Wer hätte gedacht, dass es so etwas noch gibt. Hoffen wir, dass wir von diesen Perlen noch ein paar mehr finden.

Diese Treppe runter...

Diese Treppe runter…

... dann kann man hier rein.

… dann kann man hier rein.

Beautiful.

Beautiful.

2 Kommentare zu “Vom Verlust der Unendlichkeit

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