Landratte auf Seegang: Fische füttern am Great Barrier Reef

Das Great Barrier Reef, gemeinhin als das größte von Lebewesen geschaffene Bauwerk der Erde gehandelt, ist was australische Attraktionen angeht ja in der gleichen Liga wie der Uluru: Muss man mal gesehen haben, wenn man schon mal da ist. Das war dann auch der Grund, warum ich mich entschieden hab, doch dahin zu fahren, trotz Bedenken bezüglich der ganzen Folgeschäden des Massentourismusses. Das letztere durchaus ein anerkanntes Problem darstellen, gibt es auch umfassende Bemühungen, diese zu begrenzen, und so ist um den Großteil des Reefs ein Marine Park – der weltweit größte, wenn ich nicht irre – eingerichtet worden, und aller Tourismus hat so umweltfreundlich wie möglich stattzufinden, jetzt mal davon abgesehen, dass pro Tourist auch eine kurtaxenartige Zahlung zu entrichten ist. Insoweit versucht man also, den Touristen das schlechte Gewissen soweit es geht zu erleichtern und ihnen weiterhin den Zugang zu diesem Meeresspektakel zu ermöglichen – ein schmaler Grad, an dem die komplette hiesige Wirtschaft hängt.

In Cairns also angekommen, ich orientierte mich Richtung Globetrotter Hostel, wo meine neue Reisepartnerin Katja ihre Zelte aufgeschlagen hatte, plante ich also die folgenden Tage und buchte, nachdem ich für Donald einen Gesundheitscheck angesetzt hatte, meinen Tagestrip gen Reef für Freitag mit dem Backpacker-Tourenanbieter Passions of Paradise für schicke $150 plus Folgekosten an Bord. Das Angebot klang recht vielversprechend, mit einem Segelkatamaran mit nicht allzu vielen Menschen (es wurden dann irgendwas unter 80), mit Glasbodenbootfahrt, gratis Schnorcheln an zwei Reef-Plätzen plus Schnuppertauchgang unter Anleitung – und inklusive einem Haufen Essen an Bord, was aber gar nicht mal aktiv beworben wurde. Die Tage verbrachte ich dann mit den Mädels aus Katjas Hostelzimmer, im Gegensatz zum Brisbaner Partyhostel geradezu eine Wohltat aus lieben, reisebegeisterten Menschen, mit denen man wunderbar über die größeren und kleineren Nichtigkeiten und Wichtigkeiten quatschen konnte, natürlich auf deutsch, war ja nicht anders zu erwarten.

Rici und Katja

Rici und Katja

Donnerstag bekam Donald dann seinen Check, und wenn man jetzt von der langen Liste an „Müsste mal gemacht werden“-Dingen absieht, ist er noch fit für die Fahrt, sagt der Mechaniker. Solcherart von weiteren befürchteten dringenden Ausgaben bewahrt konnte ich den Rest des Tages dem altbekannten Problem der Bikinisuche widmen, die in den Secondhandshops auch diesmal nur unbefriedigend ausfiel. In Kombination mit einem etwas nachsaisonalen Regenguss führte das zu einer leichten Egal-Stimmung, die mich dann auch mal reguläre Bademodenläden ansteuern ließ. Der trendige Laden mit Roxy und Billabong erfreute mich dann mit Standardpreisen a la $100 für ein Oberteil: Preise, bei denen ich ganz schön schlucken musste – und mich auf die Suche nach einem anderen, bezahlbaren Laden schickten. Der nächste Laden, den mir Google Maps vorschlug, war ein Lädchen in einer nicht ganz so feschen Einkaufsgalerie, der mich mit seinen Sale-Schildern an einigen Regalen lockte. Schwupps drinne, war man dann auch so gleich der Inhaberin, einer älteren Dame Typ klein, schmächtig, etwas vornehmer, ausgeliefert, die einen mit einer freundlichen Beratung den Ausgang quasi verbaute. Wie jetzt da raus, alsbald man die gleichen Preise wie im vorherigen Laden erblickte? Ich verhedderte mich irgendwo im freundlichen Pleitemodus, woraufhin sie mir tief in die Augen schaute und da ich fast schon meinte, entfleuchen zu können, flüsterte sie mir unter Gesten, die strengste Geheimhaltung implizierten, ein „20 Dollar!“ zu, winkte mich in die hintere Ecke des Ladens und schob dort eine wandfüllende Spiegeltür zur Seite, die den Blick auf ein großes Regal mit Hunderten an Bikinis freigab. Ich ließ mich hinreißen und stöberte die von ihr ausgewiesenen Bereiche mit meiner Größe (die sie ohne Nachfragen richtig einschätzte) durch und – was Wunder – fand ein Exemplar, dass mir sofort zusagte: Hellgelb mit Blümchenverzierungen. Noch viel mehr Wunder, er passte und sah ganz formidabel aus (also der Bikini, nicht meine –figur). Und was mich noch viel mehr freut: Hergestellt in Australien ist er also auch ein wunderbares Souvenir, was man mit nach Hause nehmen kann.

Cairns Stadtzentrum: Es tut uns leid, dass wir keinen vorzeigbaren Strand haben. Bitte akzeptiert diesen gratis Swimmingpool als Entschuldigung.

Cairns Stadtzentrum: Es tut uns leid, dass wir keinen vorzeigbaren Strand haben. Bitte akzeptiert diesen gratis Swimmingpool als Entschuldigung.

Solcherart mit anständiger Bademode ausgestattet konnte ich dann am nächsten Morgen auch aufbrechen Richtung Reef-Touren-Hafen, und mein Abenteuer zu See antreten. Und wie das immer ist, wenn man Abenteuer erlebt, geht auch irgendwas schief, was aber immerhin ungeplanterweise zur Erfüllung einer weiteren Aufgabe führte.

Zumindest das schlechte Wetter konnten wir hinter uns lassen.

Zumindest das schlechte Wetter konnten wir hinter uns lassen.

In diesem Fall war es der Wind, der, nachdem wir die regnerischen Wolken Cairns‘ hinter uns gelassen hatten, eigentlich ganz gut tat um die Wärme der Sonne zu vertreiben. Leider tat er noch viel mehr als das, er brachte auch ein paar Wellen. Der resultierende Seegang, wurde mir irgendwann von der Crew, vermutlich zum Zwecke der Aufmunterung, versprochen, war deutlich stärker als normal und brachte ein starkes Gefühl des Unwohlseins mit sich. Im Englischen gibt es den Begriff „feeding the fish“, Fische füttern, und der beschrieb ganz hervorragend, was ich in der Folge an Bord tat. Die dazu vorgesehenen Kotztüten sind superbiologisch und zersetzen sich leicht und ermöglichen so den hungrigen Fischlis den einfachen Zugang zu den Köstlichkeiten, die man ihnen da zuwirft. Und während um mich herum die Crewmitglieder die Tüten verschiedener Mitleidender über Bord beförderten, füllte ich nicht eine, sondern gleich ganze drei davon. Ich nehme an, Meli hatte etwas anderes im Sinne, als sie das im Reiseführer aussuchte… Die Tabletten gegen Seekrankheit, rechtzeitig eingenommen, erfüllten augenscheinlich überhaupt nicht ihren Zweck. Mir war schlecht.

Und so saß ich die zweieinhalb Stunden am Heck des Schiffes, dorthin beordert, und starrte den Horizont an, während im Inneren des Schiffes die Ansagen zur Ausflugsgestaltung am Reef abgehalten wurden. Als wir dann ankamen war ich dann zwar immer noch ordentlich mitgenommen, hatte aber zudem keine Ahnung, was denn jetzt wie funktionieren sollte (und sollte somit keinen Tauchversuch starten). Einigermaßen verwirrt fragte ich mich durch, und nachdem ich dann Schnorchel in Sehstärke (plus $10) und eine freundliche Mitarbeiterin, die mir anbot das mit dem Schnorcheln eins zu eins zu erklären, aufgetrieben hatte, ging es dann an Land der wirklich pittoresken Insel, vor der wir ankerten.

Land in Sicht! Michaelmas Cay

Land in Sicht! Michaelmas Cay

...und jetzt mal ganz tapfer lächeln...

…und jetzt mal ganz tapfer lächeln…

Mit Flossen und Schnorchel bewaffnet ging es dann ins Wasser und sie schwamm eine Weile mit mir umher, schubste mich in die richtige Richtung und hielt nach Schildkröten und kleinen Nemos Ausschau. Beides bekamen wir nicht zu sehen, dafür aber ganz viele Regenbogenfische und andere kleine bunten Wesen, die durchs Wasser huschten (darunter Parrotfish und Damselfish, und so ganz große „Wrasse“, die anderen find ich in dieser Auflistung grad gar nicht). Wunderbar anzuschauen und überhaupt ein herausragender Ort, um das allererste Mal im Leben schnorcheln zu gehen. Mit kurzen Pausen am Strand – mein Kopf war immer noch nicht so ganz auf der Höhe – schaffte ich immerhin drei Schnorchelgänge, beim letzten bekam ich sogar einen Stachelrochen zu sehen, lies mich aber im Gegensatz zu anderen bekannten Australiern nicht davon aufspießen (und noch eins für die Liste tödlicher Tiere Australiens).

Als alle wieder eingesammelt an Bord waren (es wurde mehrmals durchgezählt, Witze über ein Nachspielen von „Open Water“ aber trotzdem humorvoll aufgenommen, dass ja auf einer wahren hiesigen Geschichte basiert), gab es Mittagessen, dass nach all dem Salzwasser ein wenig unterwürzt schmeckte.

Mittagspause

Mittagspause

Weiter ging die Fahrt zum Paradise Reef, nach dem das ganze Unternehmen ja auch benannt wurde, das als Einziges an dieser Stelle halten darf. Das ließ eines vermissen: Die Sicherheit eines naheliegenden Inselstrands. Es war im offenen Meer, ein paar Meter unter der Oberfläche. Ich traute mich, trotz offensichtlicher Bemühungen der vor mir ins Wasser Gestiegenen, gegen die Wellen anzukommen, ins Wasser, kam allerdings nur ein paar Meter weit, bevor mir das häufige Auf und Ab der Wellen eine leichte Angstattacke ob meiner eventuellen Unfähigkeit, die Lage zu überstehen, einbrachte. Ich war dann doch recht fix wieder an Bord, nachdem ich es irgendwie geschafft hatte, die Flossen auszuziehen und mich gleichzeitig gegen die Kraft der Wellen am Boot festuzhalten. Ich bin halt doch ne Mimose.

...und wehe, es sagt jetzt einer, die Wellen sähen gar nicht so doll aus.

…und wehe, es sagt jetzt einer, die Wellen sähen gar nicht so doll aus.

Wieder an Bord bekam ich dann eine Mischung an humorvoll-besorgten Kommentaren der Crew zu hören (es waren noch einige andere mir zuvorgekommen, denen die Wellen zu viel waren) bis mir das Mädchen, was schon an der Insel meinen Schnorchelgang begleitete,Rike wie wir dann mal herausfanden, mich fand, und mich wieder an die Hand nahm. Im Wortsinne. Wieder im Wasser schnorchelten wir händchenhaltend über das Reef, bis wir auch dort die Vielfalt der Tiere und Korallen aufgesogen hatten.

Rike: Gleich am zweiten Tag mit so einem komplizierten Kunden konfrontiert... Hat sie zauberhaft gemacht!

Rike: Gleich am zweiten Tag mit so einem komplizierten Kunden konfrontiert… Hat sie zauberhaft gemacht!

Insoweit mit der Schönheit des Korallenriffs bekannt gemacht – und schön ist das, ohne Zweifel – ging es dann wieder auf den Rückweg. Der sollte ein wenig magenfreundlicher ablaufen, aber auch dieses Mal traute ich mich nicht weg von der Heckreeling. Der Horizont war ja auch ganz nett anzuschauen.

Irgendwann stellte ich fest, dass ich vielleicht doch mal wenigstens die Seite wechseln sollte, um in den Schatten zu kommen, aber da war es dann auch schon zu spät, und zu meinem Magenflau gesellten sich noch ein Sonnenbrand (aufstehen und Sonnencreme nachschmieren war halt wirklich nicht drin) und ein Sonnenstich. Na wunderbar. Irgendwann waren wir dann aber wieder näher an der Küste, und mit dem damit einhergehenden Abflauen der See, war es dann auch mir möglich, mich wieder ein bisschen zu bewegen, einige der Kekse zu mir zu nehmen und auch dort zu behalten und ein paar Bilder des Katamarans aufzunehmen, der für den Rückweg auch die Segel gesetzt hatte.

Die Crew ist zuversichtlich, dass wir sicher wieder den Hafen erreichen werden.

Die Crew ist zuversichtlich, dass wir sicher wieder den Hafen erreichen werden.

Im Nachhinein erscheint einem dann ja auch immer alles irgendwie gar nicht so schlimm und es tut mir (für mich selbst natürlich) schrecklich leid, dass ich den ganzen Tag an diesem so wunderbaren Ort, mit so einem bösen Unwohlsein zu kämpfen hatte. Auf der anderen Seite ist es ja nun auch nicht das erste Mal gewesen, dass ich mich in einem wunderhübschen Nationalpark übergeben musste: Wer sich an die Yosemite-Geschichte eventuell erinnert…? Hat man wenigstens was zu erzählen.

So oder so war ich glücklich, wieder auf festem Boden zu stehen, aber mindestens genauso sehr, das Great Barrier Reef gesehen zu haben, packte am selben Abend noch Katja ein und fuhr mit ihr ein Stück ins seegangbefreite Hinterland, wieder auf dem Weg ins Outback.

PS: Wer jetzt Unterwasserfotos sucht – die Nikon wollt ich nicht unter Wasser halten, und $50 für ne Tagesmiete einer entsprechenden Kamera war mir dann auch zu doof. Da hab ich das Schnorcheln doch lieber ganz in Ruhe für mich genossen. Müsst ihr halt selber herkommen um euch ein Bild zu machen!

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Ein Kommentar zu “Landratte auf Seegang: Fische füttern am Great Barrier Reef

  1. Ich vermisse ja kein Unterwasserbild sondern eher eins deines neuen Bikinis! Bissel mehr als die Träger hätteste nach dem erfolgreichen Kauf ja schon zeigen können!;)

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