Nachtragsabarbeitung und Gegenwartseinholung

Argh… irgendwie komm ich gar nicht mehr hinterher. Und da ich „so viel“ nachzuschreiben habe ist irgendwie die Lust die letzte Woche auch nicht sehr groß gewesen, zusammen mit einer gewissen Unwissenheit, was genau ich denn jetzt zu den letzten drei Wochen alles schreiben kann – was letztlich dann dazu führte, dass ich um alles was irgendwie Blogschreiben anging einen großen Bogen gemacht hab. (Das schlechte Gewissen, dass gewisse Anverwandte mit Spannung einen neuen Eintrag erwarten hat erstaunlicherweise auch nicht geholfen, mich mal engagiert auf den Hintern zu setzen…) Aber jetzt reicht es (mir auch selber), und in einer Art Notreißleine-ziehen gibt es jetzt eine Zusammenfassung von all dem, was die letzten Wochen passiert ist. Endlich!

Nachdem wir im letzten Beitrag ja den Gipfel Australiens erfolgreich unter uns gebracht haben, ging es den Tag darauf dann wieder bergab – Richtung Sydney. Alle Versuche, Max davon zu überzeugen, dass auf dieser Halbkugel bleiben viel besser ist, waren leider unerfolgreich, weswegen wir uns weiterhin auf dem Weg zum Flughafen befanden. Da wir noch ein paar Tage Zeit hatten, konnten wir aber unterwegs noch Einiges touristisch erkunden, und welch Zufall – direkt am Weg befand sich mit Canberra die Hauptstadt des Landes. Nun bin ich ja der Meinung, dass die politischen Institutionen eines Reiselandes durchaus auch etwas sind, was betrachtet werden muss (also nicht unbedingt nur im visuell-touristischen Sinne), weswegen ich Max eine Besichtigung des hiesigen Parlaments in die Reiseplanung festschrieb – auch wenn er nicht unbedingt so begeistert von der Idee dieser Stadt war. (Und dabei hatte ich ihm vorher noch nicht mal das Canberra-Kapitel aus Brysons Buch vorgelesen – der die Stadt jetzt nicht unbedingt als eine sehenswerte Touristenattraktion darstellt: „Canberra – Gateway to Everywhere Else!“)

Canberra (Betonung leicht auf der ersten Silbe, nicht auf der zweiten, nur so am Rande) verdankt seine Existenz eigentlich ausschließlich der Städtekonkurrenz zwischen Sydney und Melbourne, die sich gegenseitig nicht das Brot unter der Butter, und schon gleich gar nicht die zentralen politischen Institutionen gönnen. Der Kompromiss war also die Errichtung einer komplett geplanten Hauptstadt, zwischen Melbourne und Sydney, im Gebiet von New South Wales, aber mindestens 100 Meilen von der Landeshauptstadt entfernt. Alle Voraussetzungen erfüllte ein Landstrich in den Bergen, der im Sommer immer schön heiß ist. Ich geh jetzt nicht weiter in die Details der Planungen und Probleme bei der Umsetzung der Pläne ein, aber einige der Namensvorschläge möchte ich dann doch noch anbringen. Bevor sich schließlich doch der ursprüngliche Aborigine-Name für die Gegend durchsetzte (Canberra bedeutet soviel wie Treffpunkt, so die offizielle Verlautbarung – oder Brüste einer Frau, laut einer kuriosen Diskussion über die korrekte Aussprache einiger Aborignies) wurde nach anderen Ideen gesucht, was einige Kuriositäten wie Wooloregrain¹(wer erkennt den Hintergedanken?), Sydmeladperbrisho (die jeweils ersten Silben der Landeshauptstädte), Eucalypto, Shakespeare, Emu oder Kangaroo, oder auch ganz schlicht The Capital hervorbrachte. Laut der Ausstellung im Parlamentsgebäude ist letztlich die Entscheidung für Canberra ein Beweis für den Pragmatismus der Australier, und ihr Bestreben, sich international nicht lächerlich zu machen. Nachvollziehbar. 1913 wurde dann der Spatenstich für die neue Hauptstadt gesetzt – Canberra feiert dieses Jahr also ihr Hundertjähriges.

Leider schauten wir natürlich genau in der Sommerpause vorbei und konnten so nicht die unterhaltsame Parlamentsarbeit, die ich in einem frühreren Blogeintrag schonmal erwähnt habe, live erleben, aber zumindest das Gebäude war offen und bot sogar gratis Führungen an. Dabei bekam man vor Allem eine ausführliche Beschreibung des Gebäudes und nur grundlegende Infos zum eigentlichen Politikbetrieb (dessen Kenntnis man beim durchschnittlichen Australier der die Führung besucht vermutlich einfach voraussetzt). Das Gebäude selbst ist dabei für einige Ankedoten gut, unter anderem die, dass die Architekten des heutigen Parlamentsgebäudes (in den 1980ern errichtet) den Capital Hill abtrugen, um ihn dann später wieder auf das Gebäude aufzuschütten, weil sie nicht wollten, dass die Politiker von oben auf dem Hügel herabschauten. Was dann auch den interessantesten Aspekt der Architektur begründet – das Parlament ist im Hügel drin, und man kann durchaus auch darauf herumtreten (also auf den Wiesen).

DSC_5652

Parlamentswiese

Eukalyptusgrün

Eukalyptusgrün

Zum Zeitpunkt der Fertigstellung war das australische Parlament das teuerste Bauwerk der Welt, wurde von Queen Elsbeth eröffnet,die im Senat auch einen Thron stehen hat, falls sie mal zu Besuch kommt, und hat eine große Halle, die man auch für Privatveranstaltungen, wie beispielsweise Hochzeiten, buchen kann. Mein Lieblingsfakt hingegen war, dass, wenn wegen einer Abstimmung im Senat oder Repräsentantenhaus geklingelt wird, man exakt vier Minuten Zeit hat, um von egal wo man ist, rechtzeitig zur Abstimmung da zu sein bevor die Türen verschlossen werden. Wie kam man auf die vier Minuten? Man nahm nach Fertigstellung das älteste Mitglied des Parlaments, stellte ihn in die entfernteste Ecke des Gebäudes und stoppte die Zeit, die er von dort bis zum Senat/Repräsentantenhaus benötigte. Außerdem hab ich jetzt gelernt, warum das Känguruh und der Emu die Wappentiere Australiens sind: Nicht weil sie so gut schmecken, sondern weil sie beide nicht rückwärts gehen können, und somit symbolisieren sollen, dass Australien immer vorwärts geht. Hamma wieder was gelernt. Der Historiker/Politikwissenschaftler in mir hat sich natürlich auch gefreut, dass es im Parlament offen zugänglich eine Original-Magna-Charta zu besichtigen gab. Nicht gefreut hab ich mich über die Preise im Souvenirshop, wo es eine Vielzahl an interessanten Büchern über das politische System Australiens gab, die alle mit den entsprechenden Preisen eines wissenschaftlichen Buches im Buchhochpreisland Australien aufwarteten.

Nun aber wenigstens mit dem politischen System des Reiselandes bekannt gemacht, machten Max und ich uns auf den Rückweg zum Campingplatz im Norden der Stadt, wo wir dann unerwarteterweise noch eine Abendunterhaltung geboten kamen – auf dem nebenan gelegenen Rennplatz fand ein Trabrennen statt. Mit Bier aber ohne Hut genossen wir den Abend mit dieser Gratisbespaßung.

Schneller!

Schneller!

Am Tag darauf sollte es dann endlich nach Sydney gehen – eine Fahrt, die ich nicht nur wegen dem anstehenden Abschied von Max scheute. Nachdem ich uns dann, einem Nervenzusammenbruch nahe, doch wieder durch den Stadtverkehr gequält hatte, konnten wir aber zumindest unser super gelegenes, aber nicht wie auf den Bildern im Internet aussehendes Zimmer bezogen hatten, konnten wir die letzten beiden Tage in Sydney genießen.

Um die Ecke von unserer Lodge.

Um die Ecke von unserer Lodge.

Ein Teil unseres Rahmenprogramms bestand darin, ein paar notwendige Dinge einzukaufen: Mein verlorengegangenes Campingplatzbuch beispielsweise. Oder endlich mal ein funktionierendes Objektiv für „meine“ Kamera (dass das Objektiv nicht mehr fokussiert fiel in den Wochen davor nicht weiter auf, schließlich hatte Max ja zwei funktionierende Kameras dabei), immerhin musste ich bald wieder selbst Bilder machen. Wegen letzterem besuchten wir einiges an Kamerafachgeschäften, waren aber ob der Preise nicht glücklich.

Dazwischen besichtigten wir die Innenstadt, darunter das Queen Victoria Building, ein wunderbar koloniales Einkaufszentrum, mit Schneidern und Schuhmachern im Dachgeschoss und großen, alten Uhren und Uraltfahrstühlen. Auch beobachteten wir abends das Ablegen eines eher großen Kreuzfahrtschiffes, dass direkt gegenüber der Oper anlegte. Der wichtigste Programmpunkt stand jedoch für den nächsten Tag an, als wir, nachdem wir einige Zeit im Australian Museum verbrachten, noch Max‘ Weihnachtsgeschenk einlösten: Sydney von oben betrachten vom Sydney Tower, dem höchsten Gebäude der Stadt, mit einer exzellenten Aussicht auf das große Hochaus, was irgendwelche cleveren Planer direkt daneben und somit voll in den Blick Richtung Circular Quay/Oper/Harbour Bridge  gebaut haben.

Aussicht.

Aussicht.

Dort oben beobachteten wir dann nicht nur den Sonnenuntergang (bewölkt) sondern auch das unterhaltsame Verhalten asiatischer Touristen im Souvenirshop (der Kassierer war fast am Ende mit den Nerven). Meine Stimmung war zu diesem Zeitpunkt schon unverwechselbar melancholisch ob der am nächsten Tag anstehenden Abreise von Max – ich wiederhole mich, aber ich mag Abschiednehmen einfach nicht. Wenigstens kann ich von mir behaupten als Fisch ja eh im Wasser gebaut zu sein, harhar. Davon abgesehen, dass ich nachdem ich nach einiger Ungewissheit, was ich nach seiner Abreise überhaupt mit mir anfangen soll, immerhin bei Couchsurfing eine Backpackerin gefunden hab, die eine Mitfahrgelegenheit aus Wollongong (südlich von Sydney) Richtung Victoria suchte, hatte ich wenigstens ein bisschen Trost und ein Ziel für den nächsten Tag.

Max zum Flughafen zu bringen stellte aber zunächst auch ein organisatorisches Problem dar: Ich wollte nicht allein aus dem Sydneyer Stadtverkehr herausfahren, mit dem Auto am Flughafen parken war wegen der dortigen Parkgebühren auch unakzeptabel (Sydney ist wohl die viertteuerste Stadt der Welt wenn es ums Parken geht, man beruhigt sich aber wohl selbst damit, dass Melbourne immer noch auf Platz 3 liegt…). Wir entschieden uns also, soweit aus Zentralsydney herauszufahren, bis wir in einem der unzähligen Vororte eine gratis Parkgelegenheit in der Nähe der Flughafen-Bahnlinie fanden. Dank Google Maps war das immerhin recht einfach. Im anliegenden Einkaufszentrum gab es dann noch ein letztes gemeinsames Mittagessen, bevor wir zum Flughafen fuhren. Dort verbrachten wir dann die letzten gemeinsamen Stunden in dieser anonymen Athmosphäre die großen Funktionsgebäuden so zu Eigen ist, aber als es dann darum ging, Max Richtung Security zu verabschieden kann ich zumindest protokollieren, dass ich nicht die Einzige war, die typisch emotional reagiert hat. Aber dass soll jetzt zu dem Thema auch mal reichen. Ich verbrachte noch Zeit auf dem Aussichtsdeck, bis das große Känguruh abhob, bevor ich zurück zu Donald fuhr.

Wenigstens konnte ich da angekommen noch das Problem mit dem Kameraobjektiv lösen. Eher aus Zufall lief ich durch das obere Stockwerk des Einkaufszentrums vom Bahnhof zum Parkplatz und entschied mich, als ich dort ein Kamerafachgeschäft entdeckte, doch noch einen letzten Versuch zu starten (Max wollte mir sonst eines seiner Objektive aus Deutschland zuschicken, was jedoch auch einiges an logistischer Problematik bereithielt, plus die Gefahr des Kaputtgehens beim postalischen Transport) und siehe da, sie hatten ein passendes Objektiv zu einem Preis, den Max vorher noch als gerade akzeptabel eingestuft hatte. Somit war ich wieder $130 ärmer, konnte aber wenigstens wieder scharfe Bilder machen. Nach dieser Shoppingtherapie setzte ich mich dann ins Auto und fuhr nach Wollongong, wo ich Ellen und ihre Couchsurfinggastgeber in einer Bar treffen sollte.

Die Gastgeber hatten mich freundlicherweise auch eingeladen, die Nacht zu bleiben, so dass wir erst am nächsten Tag loszufahren planten. So konnte ich mich also auch gut ablenken, und verbrachte einen angenehmen Abend in neuer Umgebung. Ellen, eine 20-jährige Backpackerin aus Deutschlands südwestlicher Ecke, hatte an dem Tag einen Fallschirmsprung von ihren neuen Freunden spendiert bekommen, die dort alle arbeiteten, ein Erlebnis, dass sie so beeindruckte, dass sie auch in den kommenden Wochen immer wieder gern in Erinnerungen den Boden unter den Füßen zurückließ. Ihre weiteren Pläne waren im Vergleich dazu doch deutlich bodenständiger: Arbeit finden, um Geld für den Rückweg zu verdienen. Laut Fruitpickingkalender waren Echuca und Shepparton in Nordvictoria  in der engeren Auswahl, da dort gerade Erntesaison sein sollte, und da sie für Echuca bereits einen Couchsurfinggastgeber gefunden hatte, sollte das unser Ziel sein. Ich, in meiner unbestimmten Lage, sah dies als eine Möglichkeit an, auch erstmal wieder eins, zwei Wochen etwas Geld zu verdienen, nachdem der Roadtrip mit Max meine hart erarbeiteten Ersparnisse ziemlich zusammenschrumpfen hat lassen, und entschied mich also, auch ein paar Tage dort zu bleiben, mit ihr mein Glück zu versuchen, bevor ich mich weiter Richtung Tasmanien machte.

Nachdem wir am Tag der Abreise jedoch morgens etwas lange brauchten, da wir erst noch einkaufen waren und so die etwa 800km nicht an einem Tag schaffen würden, und da Ellen Canberra noch nicht gesehen hatte, und vor ihrer Abreise im März auch keine Chance mehr dazu bekommen sollte, entschieden wir uns dazu, dort nicht vorbeizufahren, sondern die 50km  vom Highway runterzufahren. Und so kam es dazu, dass ich innerhalb von einer Woche zweimal das australische Parlament besuchte. Als wir am Treffpunkt für die Gratisführung ankamen mussten wir jedoch feststellen, dass diesmal keine offizielle Führung am späten Nachmittag mehr stattfand, jedoch fanden wir dort zwei Angestellte vor, einer davon wurde gerade als Guide ausgebildet… der anbot, uns sozusagen als Versuchskaninchen zu benutzen und das mal mit richtigem Publikum zu üben. Und so hatten wir dann zu zweit eine Exklusivführung, was doch sehr unterhaltsam war.

Dann quasi Punkt 17 Uhr, als das Parlament zumachte, wieder auf die Straße gestellt, mussten wir feststellen, dass das anstehende Konzert direkt vor dem Parlament wohl bald anfangen würde, und so entschieden wir uns, noch eine Weile dort zu bleiben, bevor wir weiterfahren und einen Parkplatz zum Übernachten suchen würden. Das Konzert war als Vorabendprogramm zum nationalen Feiertag der Selbstbeweihräucherung – dem Australia Day am 26.1. – gedacht, und begann mit der Verleihung der Würden des Australiers des Jahres, Preisüberreicherin war Frau Premierministerin Julia Gillard, und auch wenn wir nicht vor der richtigen Bühne standen, so konnten wir das Geschehen, was nur hunderte Meter von uns entfernt war, zumindest auf den Monitoren verfolgen. Kurz darauf begann das Konzert, dass auch im Fernsehen übertragen wurde und mit einigen australischen Popgrößen aufwartete, unter anderem Guy Sebastian, jedoch nicht Frau Minogue.Nicht mein Standardmusikgeschmack, aber als eine sehenswerte Abendunterhaltung kann man da nichts gegen haben.

Mit Flugshow (audiokommentiert von einem Piloten)

Mit Flugshow (audiokommentiert von einem Piloten)

Ellen und ich

Ellen und ich

Wir sahen das Konzert jedoch nicht ganz, da wir eben noch etwas über hundert Kilometer Fahrt vor uns hatten, und ich im Dunkeln ja hier nicht so schnell zu fahren gedenke. Aber endlich konnte ich dann auch mal wieder das Campingplatzbuch nutzen, um gratis einen Übernachtungsplatz zu finden.

Am nächsten Tag schafften wir es dann bis ans am Murray River gelegene Echuca, wo uns Richard, der Gastgeber, zu einem Hausboot lotste, auf dem er seinen 50. Geburtstag feierte. Dort angekommen (es gab ein paar Kommunikationsprobleme bezüglich unseres Ausgangspunkts am Fluss, weswegen wir erstmal schön in die falsche Richtung losliefen) wurden wir dann herzlich von dem Haufen anwesender Freunde und Bekannte begrüßt. Den Rest des Tages verbrachten wir also mit einem buntgemischten Haufen an freundlichen Menschen, Bier und Barbeque, und schipperten mit dem Hausboot auch den Murray River etwas auf und ab, bevor der Abend damit endete, dass die Gäste das Geburtstagskind zum traditionellen Bad in den Murray River beförderten. Bedenkt man, dass ich ein paar Tage vorher noch befürchtete, mein Australia Day ende ähnlich unspektakulär wie mein australisches Weihnachten, war dass doch der absolute Hauptgewinn. Ich genoss den Abend in vollen Zügen.

DSC_3420

Tom Sawyer Feeling

Das Hausboot legt ab, und wer fehlt noch? Das Geburtstagskind!

Das Hausboot legt ab, und wer fehlt noch? Das Geburtstagskind!

Fast wie zu Hause Dresden...

Fast wie zu Hause in Dresden…

Auch lernten wir auf der Party Richards Bruder, Louis, kennen, der im Tomatengeschäft tätig ist. Dessen Frau und Richard hielten ihn dazu an, doch mal ein paar Bekannte abzutelefonieren, ob sie gerade Arbeitskräfte brauchen, und so hatten wir am nächsten Tag die Nummer von einem Tomatenfarmer in der Gegend, der uns einen Job zusichert. Wir könnten am nächsten Tag zum Unkrautjäten kommen. Wir waren zufrieden, der Job wäre stündlich bezahlt (besser als pro Eimer oder Tonne) und traten Dienstag morgen, wie gewünscht 7:30 auf der Farm an. Leider stellte sich schnell heraus, dass das Ganze doch nicht so der Traumjob war. Zum Einen hatte Richard einiges an durchschnittlichen Geschichten ob der Arbeitsbedingungen gehört, auch die anderen Backpacker ließen ein eher zweifelhaftes Bezahlsystem vermuten, und um die Kommunikation noch um Einiges zu erschweren, war der Ansprechpartner was Arbeitseinteilung und Bezahlung anging, der schwerhörige Irish Sam, von den Überflutungen in Queensland eingeschlossen und grad gar nicht erreichbar. Nach zwei Tagen war das Feld außerdem fertig gejätet, und der versprochene Tomatenerntejob fing noch nicht an, weswegen wir erstmal einen freien Tag bekamen. Den hatten wir dringend nötig, weil so fertig wie nach den beiden Tagen war ich schon lange nicht mehr, wenn nicht gar noch nie. Das ich an schlechten Tagen nicht meine Zehen erreiche – geschenkt – aber nach den beiden Tagen kam ich nicht mal mehr an meine Knie (mittlerweile geht beides wieder). Setzen, stehen, Beine anwinkeln, gehen: Nichts ging mehr. Ich fühlte mich als wäre ich 50 Jahre älter. Wir bekamen dann jedoch gegen unseren eigentlichen Willen mehr Zeit zum Auskurieren. Nachdem wir jeden Tag zwischen den Verantwortlichen hin und her telefonierten und niemand irgendwas wusste, gab es dann noch einen zweiten freien Tag, dann noch einen dritten, dann sollte es eigentlich am Wochenende los gehen, dann aber doch nicht… und Montag abend kam dann Sam wieder in die Empfangszone und nach einigem Hin- und Hergesimse (Anrufen ist wegen seinem Gehör nicht) hatten wir dann Dienstag endlich wieder einen Job beim Pflanzen. Hierbei saß man hinter dem Traktor auf einer Art Gestell, wo man auch die Paletten mit kleinen Pflanzen lagerte, in der Mitte ein Rad mit Zacken, welches beim Fahren Löcher in die Erde stanzte und wässerte, und unsere Aufgabe bestand schlicht daraus, die Pflanzen im Fahren in die Löcher zu setzen und die Erde anzudrücken. Das war Arbeit, die uns sehr gut gefiel und wir fanden es schade, dass der Job nach einem Tag bereits wieder fertig war.

Arbeitsplatz

Arbeitsplatz

Denn am nächsten Tag ging es dann mit dem los, was ab sofort meine Hassjobliste ganz oben anführen wird: Soßentomaten ernten. Bezahlt pro Eimer (etwa 10l für $3) quälte sich ein Dutzend Backpacker durch ein Feld, dass durch eine Abwesenheit pflückbarer Tomaten auffiel. Die Meisten noch grün, die roten mehrheitlich mit bösen schwarzen Flecken verziert, und was man pflücken konnte, war meist so klein, dass man mit viel Ehrgeiz etwa 3 Eimer pro Stunde hinbekam. An guten Tagen verdienten wir $60 pro Person. An schlechten nicht mal $50 – in ungefähr sieben bis acht Stunden Arbeit bei etwa 35°C bis 38°C. Dazu kommt ein Gestank, für den ich den Begriff Tomatenverwesung erfunden hab – eine Melange aus dem Dreck und Staub, der an den Händen klebt, vermischt mit dem Saft der halbverfaulten Tomaten in die man hin und wieder greift, den man genauso wie den Schmutz beim Waschen nicht wirklich abbekommt. Drei Tage später sind meine Hände immer noch nicht wieder sauber… Ein guter Tag war dabei, da hatte ich eine anständige Reihe mit größeren Tomaten, von denen man die meisten gar ernten konnte. Am letzten Tag war dann jedoch so wenig zu finden, dass uns Sam zu einer anderen Farm brachte, wo wir dann nachmittags noch eine Stunde pflückten und dafür jeder $18 auf die Hand bekamen. Das war Sonntag, seit Montag bin ich jetzt also wieder arbeitslos und bin nur deshalb noch eine Woche in Echuca, weil wir den Rest unserer Arbeit erst am Freitag bezahlt bekommen sollen.

Untergekommen waren Ellen und ich die beiden Wochen bei Richard, der uns ein Zimmer mit Bad für $105 pro Person vermietet. Ein reiner Luxus im Vergleich zum Campingplatzleben des letzten Monats, weswegen ich mir die letzte Woche jetzt auch noch gönne von meinem verdienten Geld, bevor ich nächste Woche dann Richtung Tasmanien weiterreisen werde. Bis dahin will ich noch ein bisschen mehr von Echuca sehen, das was wir bisher gesehen haben ist auf jeden Fall sehr ansprechend: Ein kleines Städtchen (12000 Einwohner – fast ne Großstadt nach Australischen Maßstäben) mit früher wichtigem Binnenhafen, einem historischen Stadtzentrum um diesen Hafen drumrum und auch sonst einer sehr angenehmen Athmosphäre – nicht zu schweigen von der Einkaufsstraße mit dem besten Secondhandladen, den ich bisher gesehen hab, in dem jedes Kleidungsstück $1 kostet – neu eingekleidet für unter $20, muss man einfach gut finden. Ebenfalls eine Attraktion, jeden Morgen und Abend, ist der Anflug eines Riesenschwarms weißer Papageien zum Trinken am Fluß. Tausende kreischender Vögel flattern durch die Luft und machen nicht nur ordentlich Krach sondern sehen auch ziemlich spektakulär aus.

Flusshafen und Vogelschwarm

Flusshafen und Vogelschwarm

Auch Krach machte letztes Wochenende die Sportveranstaltung auf dem Murray River, die wir Samstag Nachmittag anschauten. Ellen hatte noch einen anderen Couchsurfer in Echuca ausgemacht, zu dem sie diese Woche ziehen wollte, um der Miete aus dem Weg zu gehen (ich muss trotzdem nicht doppelt zahlen, es bleibt beim pro-Person-Preis).Die holten uns Samstag ab und fuhren mit uns raus um das angeblich längste Wasserskirennen der Welt zu sehen – das längste Rennen des Wochenendes geht wohl ganze 50km den Flusslauf entlang – was die Boote und die dahinter hängenden Skifahrer bei ungefähr 80km/h absolvierten. Das war schnell, das röhrte, und brachte der ganzen Stadt einen Besucherstrom von etwa 100.000 Gästen ein. Fragt nicht, wie sich die Parkplatzsuche in der Innenstadt gestaltete, als wir am Nachmittag von der Arbeit heimkamen…

Erst das Boot...

Erst das Boot…

...dann die Wasserskifahrer!

…dann die Wasserskifahrer!

Zuschauertribüne

Zuschauertribüne

Dieses Wochenende steht das Jazz- und Essenfestival an, ich nehme an, dass wird ruhiger und sicher leckerer.

Ein Problem gab es, um dass ich mich in den letzten Wochen kümmern musste: Donald meinte, kaputt zu sein. Nachdem er es ohne Probleme bis nach Echuca schaffte, blinkte dann zwei Tage später, als wir Morgens das erste Mal zur Farm fuhren, nach dem Anfahren auf einmal das „Hold“-Licht – was laut meinem Handbuch ein Anzeichen für elektronische Probleme mit dem Getriebe ist. Mir wurde ganz anders und ich sorgte mich den Rest des Tages um Donalds Wohlempfinden (und darum, dass ich eventuell bald ohne Transport und mobiles Zuhause dastehen würde, sollte es sich als schwerwiegendes, sprich teures Problem herausstellen). Erst später beim Fahren fiel mir auf, dass der Tacho nichts mehr anzeigte – und in diesem Zusammenhang eben auch nicht mehr quietschte: Wer sich erinnert, das Tachoquietschen war der Ursprung des Namens, weil es, wie auch Max konstantierte, sehr nach verärgerter Ente klingt, nak-nak. Dass dieses Geräusch, an dass ich mich nach so langer Zeit gewöhnt hatte, auf einmal weg war, fühlte sich komisch an. Zum Glück muss man wohl sagen, dass ich den Job auf der Farm hatte, denn der eine Chef verwies mich an die angestellten Mechaniker, von denen sich Gino Donald annahm, nachdem ich ein klein wenig emotional erzählte, wie abhängig ich von meinem Transport quasi bin. Recht schnell war das Problem gefunden: Der Teil des Tachokabels, welches ans Getriebe angeschlossen war, war kaputt, ein Teil davon abgebrochen. Nach einer Weile skeptischen Nachfragens konnte mich Gino soweit beruhigen, dass augenscheinlich wirklich nichts anderes kaputt war, und wir nur ein solches Kabel bräuchten. Nachdem er bei einem alten, stillgelegten Mazda 626, Jahrgang 1997, der zufällig auf der Farm rumstand, konstatieren musste, dass der schon ein anderes Kabelsystem hatte, rief er gleich mal zwei Schrotthändler („wreckers“, wo einen der durchschnittliche Australier hinschickt, wenn es um Ersatzteile geht) an, ob die vielleicht eines da hatten, da hatten wir allerdings Pech. Ich fuhr also nach Echuca und bestellte beim dortigen Mazdahändler ein neues Kabel. An dieser Stelle sei der exzellente Service dort hervorgehoben, denn Belinda, die sich meiner annahm, nachdem ihr Kollege keinen Erfolg bei der Suche nach dem entsprechenden Teil hatte, hatte nicht nur in 5 Minuten das passende Teil gefunden und bestellt, sie war auch bei den folgenden Besuchen immer ein Herz. Angeblich sollte das Kabel zwei Tage später da sein, als ich 5 Tage später jedoch noch nichts gehört hatte fuhr ich mal vorbei, um dann dort zu erfahren, dass das Kabel verloren gegangen sei („Fell off the truck…“) und noch eins bestellt werden musste, dieses war jedoch 20 Minuten später da. Ellen und ich fuhren raus zur Farm und baten Gino, das Kabel einzubauen.

Gino operiert.

Gino operiert.

Eine Viertelstunde später waren wir wieder unterwegs, mit funktionierendem Tacho und Donalds altbekanntem Quietschen. Erfreut ob dieser erfolgreichen Reparatur dachte ich, dass Thema erfolgreich hinter mich gebracht zu haben. Bis ich am nächsten Morgen wieder losfuhr… und das „Hold“-Licht wieder blinkte und der Tacho nicht muckte. Gino musste also wieder ran, untersuchte das neue Kabel und musste den exakt gleichen Schaden feststellen… Diesmal gingen wir dann auch mal einen Gedankengang weiter und suchten nach der Ursache und fanden heraus, dass der andere Teil des Tachokabels so trocken war, dass es sich nicht mehr frei drehen konnte und eben deshalb quietschte. Mittlerweile von drei Mechanikern umringt bekam Donald dann erstmal die Armatur ausgebaut und eine Silikonkur ins trockene Kabel, bevor wir dann wieder zu Mazda fuhren, wo sich Belinda zwar freute mich zu sehen, aber nur minder erfreut war, mir das gleiche Kabel nochmal bestellen zu müssen. Dieses war dann zwei Tage später da (diesmal nicht vom Truck gefallen) und Belinda meinte, sehr freundlich aber auch bestimmt, dass es schön war mich kennen zu lernen, und dass ich es nicht persönlich nehmen soll wenn sie sagt, sie möchte mich nicht noch mal in der Reparatur- und Ersatzteilabteilung sehen. Gino musste ein letztes Mal ran… und siehe da, bis jetzt funktioniert alles – nur das Quietschen ist jetzt weg. Auf der einen Seite ist das gut, schließlich war das die Problemursache und hat außerdem verhindert, dass man irgendwas Anderes (Motorengeräusche, Musik) gut hören kann. Auf der anderen Seite redet mein Auto jetzt nicht mehr mit mir. Ihr seht, dramatisch. Aber ich werd mich daran gewöhnen, wenn ich nur jetzt dieses dramatische „Hier-ist-alles-kaputt“-Licht nicht mehr blinken sehen muss…

Alles Andere soweit erledigt, abgehakt und nur noch zum Warten hier werde ich die Woche entspannen, schön Urlaub machen und meine Reise ab nächster Woche planen. Schönes Leben also.

¹ Oder Wheatwoolgold, je nach herangezogener Quelle.

One thought on “Nachtragsabarbeitung und Gegenwartseinholung

  1. Juhu, die Franzi schreibt wieder!
    Vielen Dank für die vielen unterhaltsamen Minuten mit dem laaaangen Bericht. Wünsche viel Erfolg beim Finden des nächsten, hoffentlich lukrativeren und weniger anstrengend stinkenden Jobs. Aber erstmal Fröhlich Urlaubmachen!

    Grüße auch von Martha und Abby

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: