Noch eine Alltagsgeschichte

In gerademal zwei Wochen werde ich Nyabing verlassen und mich rechtzeitig zu Weihnachten wieder auf die Straße begeben – wer hat das nochmal so geplant? – um rechtzeitig zu Silvester in Sydney einzutrudeln. Und auch wenn die Zeit hier in Nyabing sehr schön war, freue ich mich doch, endlich wieder unterwegs zu sein um mehr, mehr, mehr von diesem Land zu sehen. Denn obwohl ich ein wenig traurig bin, hier die Zelte wieder abzubauen, so sehr hat mich vor ein paar Tagen doch die Erkenntnis ereilt, dass ich schon seit vier Monaten Down Under weile und ja eigentlich gerademal einen minnikleinen Bruchteil des Landes gesehen habe. Von daher freue ich mich schon sehr auf das anstehende Abenteuer und versuche so hier und da ein paar Vorbereitungen in meinen Alltagsablauf einzubauen.

Davon abgesehen war es auch die letzte Woche recht ereignislos, wenn man von dem vollen Pub an meinem eigentlich freien Tag (Ha! Haaaaaaaaa…) mal absieht. Vormittags genoss ich noch bei schönstem Wetter in Katanning, versuchte auf den Saleyards etwas von dem größten Schafsauktionstreiben Australiens zu sehen, allerdings waren alle Betroffenen (unverkaufte Schafe, Besitzer und Kaufinteressenten) nicht unbedingt in der Nähe der Besucherplattform, weswegen man nur herumstehende Schafe und Menschen die auf etwas zeigten oder aber auch nur Fliegen verscheuchwedelten erblicken konnte. Nachdem das Programm offensichtlich um 10 Uhr vorbei war stellte sich dann aber heraus, dass Frenchy auch vor Ort war, und er hat mich eingeladen nächsten Mittwoch mitzukommen und dann auch mitten im Trubel zu stehen.

Nach einer Mittagspause etwas außerhalb, immer noch bei strahlendem Sonnenschein, an einem malerischen Flecken wo vor anderthalb Jahrhunderten der erste Polizeiposten der Gegend stationiert war, ging es dann wieder rein in den Ort um den erst nachmittags öffnenden Swimmingpool zu nutzen. Dort konnte ich, gut sonnencremebeschmiert – ist ja schließlich draußen – einige Bahnen ziehen (ungestört ganz alleine, liebe Freiberger) bevor ich wegen dem aufziehenden Gewitter aus dem Pool gebeten wurde. Offensichtlich wünscht man nicht, die wenigen Kunden auch noch durch Elektrokution auszudünnen. Ich wurde freundlich gebeten doch zu warten, bis der Sturm vorüber ist und lernte dann, ebenfalls wartend, Michael kennen, der wie ich an der Bar auf besseres Wetter wartete.

Lasst euch nicht irritieren, das Shirt ist „nur“ vom halben Ironman. An dem nimmt er wieder teil. Mit 75. Den letzten kompletten Ironman hat er mit 53 absolviert. Ich hingegen bin schon zu erschöpft mir nur vorzustellen, an einem teilzunehmen...

Lasst euch nicht irritieren, das Shirt ist nur vom halben Ironman, den er mit 73 absolviert hat. Einen vollen Ironman hat er zuletzt mit 53 absolviert. Für alle, die nicht wissen, was ein Ironman ist: Tortur.

Michael hat einen wirklich interessanten Lebenslauf – eigentlich Ukrainer, hat er das Dritte Reich in einem deutschen Dorf überlebt, wo sich um seine Familie gekümmert wurde. Nachdem die Deutschen dann von den Russen freundlich gebeten wurden, zu gehen, schaffte er es irgendwie die sowjetische Übernahme unbeschadet zu überstehen, kam irgendwann nach Hamburg und von dort in den 1950ern nach Australien, wo er jahrelang „Einwandererarbeit“ im Bush machte, mit Zelt umherziehen und Buschland für die Landwirtschaft zu brandroden. Ein sehr interessanter Gesprächspartner, der durch seine Geschichte auch über seine afghanischen Kollegen in Katanning, welches eine sehr ausgeprägte muslimische Gemeinde hat, ein Gegengewicht zu der sehr negativ geführten Immigrationsdebatte bot. Was mich insbesondere freute, da letztere nicht nur im Pub (Stammtischniveau, Prof Patzelt hatte doch Recht) sondern auch in den Medien und der Politik, recht einseitig geführt wird und mich teilweise doch recht schockierte. Ich brauche glaube nicht zu erwähnen, dass ich mir doch die ein oder andere politische Debatte aufgehalst habe, was meistens nicht wirklich befriedigend im Bezug auf das Diskussionsergebnis war. Mit Ausnahme von Leo, der jetzt der Meinung ist, ich solle in die Politik gehen, er würde mir seine Stimme gehen.

Als das Wetter dann ein bisschen besser wurde (sprich: Keine Blitze mehr, nur noch Regen), entschied sich Michael dann, noch ein wenig weiterzutrainieren und ein paar Bahnen zu schwimmen. Ich dagegen, mittlerweile doch einigermaßen durchgefroren, wieder zurück nach Nyabing zu fahren, wo ich auf eine Julie traf, die in einem leeren Pub noch keinerlei Einnahmen hatte. Eine ruhige Stunde sollte das noch so bleiben, dann kam sie hinter und fragte mich ob ich kurz mit anpacken könnte, sie müsse ein paar Dinner zubereiten. Von da an war der Pub vollgepackt, Julie kam nicht mehr aus der Küche raus, da ich ihr konstant weitere Bestellungen reinbrachte, meist mit einem süffisanten Grinsen, da ich letzten Freitag, als sie unterwegs war, 27 Abendessen zubereiten musste und schon einigermaßen froh war, hinter der Bar zu stehen. Mitternacht schmissen wir dann wenig sanft die letzten Suffköppe raus, die sich in den letzten Wochen, wenn wegen Regen die Ernte ausfiel, immer etwas resistent zeigten, wenn es darum ging den Pub zu verlassen. Als wir sie endlich draußen hatten, waren sie auch dort noch stundenlang lautstark zugange (Momente, in denen man die Erfindung von Ohropax wirklich zu wertschätzen weiß) und irgendein Idiot musste beweisen, dass er dringend etwas zu kompensieren hatte und hinterließ einige Burn-Out-Reifenspuren vorm Pub. Wie schön. Ich hingegen bekam $120 Arbeitsbonus, den ich gleichmal nutzte, um meine Anschreibeliste im Pub auszugleichen. Halleluja, schuldenfrei!

Aus mir nicht weiter nachvollziehbaren Gründen hatte ich zudem zugesagt, bei einer weiteren Fashion Parade auf dem hiesigen Markttag am nächsten Morgen teilzunehmen, um dann vor Ort herauszufinden, dass die Modefirma unansprechend augenkrebsverursachende Omakleidung herstellt. Sexy.

Das trägt man jetzt so.

Das trägt man jetzt so.

Die betrachtenden (vor allem älteren) Damen waren jedoch entzückt, weswegen man das Ganze vermutlich doch als Erfolg einstufen kann. Ansonsten gab es auf dem Markt niedliche selbstgemachte Kinderkuscheltiere, Glitzerschmuck und allerlei an, auch weihnachtlichem, Süßkram zu erstehen, da konnte ich mich allerdings ganz gut zurückhalten, schließlich hatte auch ich schon angefangen, Weihnachtsplätzchen zu backen. Es ist ja immerhin bald Weihnachten, ein Fakt, an den mich vor allem die Werbung und das Sortiment der Supermärkte erinnert, weniger das Wetter, jetzt. Insgesamt fühle ich mich eher so, wie man das so kennt, wenn einen bei 30° im August schon der Schokoweihnachtsmann im Supermarkt angrinst. Bloß halt jetzt schon drei Monate nonstop. Ein bisschen schade find ich das schon, dass ich an keinem richtigen australischen Weihnachtsfest mit Barbeque und viel Essen unter der Sonne am Strand oder im Garten teilnehmen kann, ich hoffe, ich kann Julie wenigstens zu einem Weihnachtsessen vor meiner Abreise überzeugen…

Finde Weihnachten.

Finde Weihnachten.

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Ein Kommentar zu “Noch eine Alltagsgeschichte

  1. „Was ist denn los? Du lachst dich ja bald scheckig!“ (Zitat der Mama, so vor 30 Sekunden …)

    Man hat mich wohl durch’s ganze Haus gehört, als ich gerade Weihnachten gefunden habe 😀
    (Und bitte, Elektrokution? Wäre das nicht so unangebracht, wäre das mein neues Lieblingswort!)

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