Von Pferden und Schafen

Na, hallo liebe Winterkinder. Es ist nunmehr soweit: Etwas, was man als australischen Sommer bezeichnen könnte, ist in Nyabing eingetroffen und seit zwei Tagen kann man bei 30° und mehr die Sonne genießen. Ein guter Zeitpunkt, um ins australische Farmerleben einzutauchen, nachdem mir das am Anfang der Woche, an meinen freien Tagen, an denen ich gern zum Ernten mit raus wollte, wegen dem Regen noch verwehrt blieb. Rechtzeitig zur Ernte gab es hier einige Regengüsse, die Julie sich gleich wieder um den frischrenovierten Dining Room sorgen ließen, und die von dem ein oder anderen Farmer als die intensivsten seit… letzter Ernte eingestuft wurden. Na herzlichen Glückwunsch. Die Ernte wurde daher um ein paar Tage verschoben.

Programmatisch keine Änderung musste der Melbourne Cup erleiden, also traf sich Nyabings Damenwelt erneut zu einem Brustkrebsspendensammeltag im hiesigen Sportclub. (In Australien kann eine kleine Town schon ihren eigenen Footy-Platz, vier Tenniscourts, einen Basketballplatz, Bowlingareal und ein dazugehöriges Clubhaus mit Ausschanklizenz aufweisen. Pingrup, 40km nach Osten, kann fast die gleiche Ausstattung vorweisen. Sportfanatisch, sag ich. Oh, und ich nehme ja jetzt auch an der Fitnessstunde teil. Sagen wir mal: Seniorensport, aber es reicht, um mir ein bisschen Extrabewegung zu beschaffen.) Da der Melbourne Cup ein international hoch angesehenes Ereignis im Pferderennsport ist, ging es natürlich nicht nur um das Rennen an sich (das im Übrigen auch nur 5 Minuten dauerte), sondern auch und mindestens genauso wichtig um Hüte im Speziellen und Mode im Allgemeinen. Die Fernsehübertragung übertrug Aufnahmen von vielen Damen in zum Teil skurrilen Outfits, und auch in Nyabing hatten sich ausnahmslos alle herausgeputzt. Wenn sich schon mal so ne Möglichkeit bietet… Auch ich unterwarf mich mit Freuden dem Dresscode, allerdings ohne Hut, und mit meinen Blumen im Haar glücklicherweise auch nur ansatzweise an diese, man nennt es „Fascinator“, Dekogebilde der Modewelt herankommend (wer sich darunter jetzt nichts vorstellen kann, erinnert sich an die Hochzeit von Kate und William – die beiden Cousinchen mit dem Elchgeweih…). Absatzschuhe hatte ich dank meinem letzten Trip in den Secondhandstore in Katanning sogar richtig elegante für $2.

Julie hatte sogar einen farblich passenden Hut.

Neben der Übertragung des Rennens, was natürlich von allen gespannt verfolgt wurde, gab es zudem einige Modedarbietungen – eine Schau, einige Händler –, ein wunderbares Büffet mit noch viel besserem Dessertbüffet, und natürlich haufenweise Gewinnspiele, Losziehungen und – weil es ist ja ein Pferderennen – Wetten. Die Pferde wurden ausgelost und man konnte, da es mehrere Wetttöpfe gab, somit auch mehrere Chancen erwerben. Logischerweise gewann ich gar nix, nicht mal den Preis fürs letzte Pferd (wobei ich unter anderen immerhin den Zweitplatzierten des letzten Jahres zog, was wohl das knappste Rennen aller Zeiten war: Red Cadeaux, der aber dieses Jahr nicht ganz so gut lief), weswegen ich all meine Beiträge mal großzügig unter „Spende“ abhakte. Allerdings kann man sagen, dass das Gewinnerpferd vorher auch niemand auf der Rechnung hatte. Alle, die auch außerhalb dieses Tages „richtige“ Wetten bei professionellen Anbietern platziert hatten, setzten zumeist auf die Vorjahresgewinner Americain und Dunaden die irgendwo unter ferner liefen im Mittelfeld landeten. Green Moon, eigentlich so auf Mittelfeld getippt, gewann das Rennen.

Nachdem der Melbourne Cup ja nun schon seit Wochen geplant war (und eine signifikante Steigerung an Übertragungen von Pferderennen und Werbung von Pferderennenwettinstituten in den letzten Wochen im Fernsehen zu konstatieren war) und einen wunderbaren sozialen Tag mit den Nyabinger Damen bot, ergab sich mehr oder weniger spontan dann diese Woche auch wieder ein Einblick in das hiesige Farmerleben. Parrot nam mich Sonntag Vormittag mit auf die Farm, auf der er in seinem Urlaub bei der Ernte hilft (das sei besser als Verreisen. Japp.) um mir mal die Maschinerie zu zeigen. Und so fuhren wir vor der Arbeit raus aus Nyabing zu einer der größten Farmen hier im Umfeld, 8900 Hektar, von denen etwas mehr als ein Drittel für die Viehwirtschaft reserviert ist. Als so ziemlich Einzige in der Gegend hält man dort Rinder, etwa 900 große, graue Kühe und Bullen, von denen mit Parrot aber auch den Namen nicht sagen konnte (und Dick, dem die Farm gehört war nicht da, weswegen ich ihn auch nicht fragen konnte). Wir fuhren also ein bisschen auf der Farm rum, ich konstatierte, dass Farmen hier alle zum Teil Uralttraktoren noch rumstehen haben, nach dem sich landwirtschaftliche Museen vermutlich die Finger lecken würden, und konnte dann auch mal eine Art Portrait von Parrot schießen, mit seinem Lieblingsauto.

Papagei.

Viel Action gab es allerdings nicht zu beobachten, da ja – wegen dem Regen – noch nicht geerntet wurde. Da mitzuwuseln hoffe ich in den nächsten Wochen. Gestern jedoch ergab sich die Möglichkeit, bei den Schafen mal wieder vorbeizuschauen und mit Hand anzulegen. Da Gary am Donnerstag Rücken hatte, bot ich ihm an, am nächsten Tag die Jobs zu tauschen. Wie genau der weitere Verlauf der Konversation verlief, kann ich nicht mehr rekonstruieren, es lief jedoch darauf hinaus, dass ich als Extrahand mit raus komme, und dann trotzdem danach noch im Pub arbeiten musste. Freitag morgens um kurz nach Fünfe ging es dann also los, im Gepäck einen Karton Bierdosen, raus auf die Farm von Frenchy. Der hat ein etwas größeres Areal gepachtet und verdient sein Geld damit, Schafe anzukaufen, und sie hochzupäppeln für den Export. Momentan umfasst die Herde irgendwas zwischen 3000 und 4000 Schafen, von denen gestern 862 angeliefert wurden. Das weiß ich deshalb so genau, weil es meine Aufgabe war, die ankommenden Schafe zu zählen, wenn sie denn endlich vom Transporter kamen (laut Gary sind Schafe im Sommer unwillig vom Schatten spendenden Transporter in die sommerliche Hitze von Mittdreißig Grad zu steigen, insbesondere, wenn sie noch nicht geschoren wurden) – das ich nach der Aufgabe noch müder als eh schon war, muss ich glaub niemandem erzählen. Bevor die Schafe kamen, war es unsere Aufgabe, die anderen, vor ein paar Tagen angekommenen Schafe, Ohrringe verpassen und mit Antiwurmmittel behandeln. Dazu wurden die Schafe der Reihe nach in einen engen Gang getrieben, wo dann in Zweierteams, Baz und Frenchy, Gary und ich, einer das Wurmmittel freundlich bestimmt ins Maul gibt (jeder, der das schonmal bei Katze oder Hund machen musste, weiß, wieviel Spaß das macht) und der andere mit einer Piercingpistole (die mich extrem an die alten Ticketlocher der Schaffner erinnerten, vermutlich aber auch nur deswegen, weil mir mein Vater damals erzählte, dass die damit einem die Ohrlöcher stechen – ja, mein Vater ist ein Scherzkeks) die Labels in die Ohren lochte, auf denen die Details der Farm stehen, damit man die Besitzer der Schafe nachverfolgen kann. Letzteres war meine Aufgabe, und ich hatte durchaus damit zu kämpfen, dass die Schafe sich das nicht unbedingt wehrlos gefallen ließen, während ich nicht immer genug Kraft hatte, um die Pistole mit einer Hand zu bedienen. Beruhigend auf die Schafe einreden hilft nicht. Andererseits kann ich es auch nachvollziehen, denn einfach mal so ein Ohrloch geschossen bekommen, von den großen Zweibeinern, das kann nicht vertrauenserweckend aussehen. Pausen gibt es zum Trinken, Schafnachschub holen, und Sonnencreme neu auftragen. Als wir die, ich glaube mehr als 500 Schafe, dann nach dem Mittag alle versorgt hatten, wurden sie auf ihre Weide getrieben, was man hier der Einfachheit halber aus dem Auto heraus erledigt, wobei der Schäferhund, Humper, hinten auf dem Transporter sitzend, durchaus den Eindruck machte, als genieße er seine Arbeit. Auf der Weide angekommen, müssen sie da nur wieder runter, wenn die Scherer kommen, was in den nächsten Wochen passiert, damit die Schafe im Sommer nicht so dicke Wolle mit sich rumtragen müssen. Danach haben sie ihre Ruhe bis zur nächsten Wurmbehandlung in einem halben Jahr, und brauchen nix anderes zu tun, als auf der Weide umherzublöken.

Wieder an der Scheune angekommen, gab es dann Bier, noch nicht ganz 15 Uhr am Nachmittag. Mir wurden, trotz meiner Bedenken ob der noch anstehenden Pubarbeit („Responsible Server!“) ganz viele in die Hand gedrückt, von denen ich irgendwann wieder welche in den Kühlschrank schmuggelte, aber auch so kann man sich sicher gut ausmalen, was vier Bier am Nachmittag bei Hochsommer ausrichten. Tüdeldü. Danach ging es wieder in den Pub, wo ich versuchte, konzentriert zu arbeiten und ob der Müdigkeit nicht einzuschlafen, musste dann aber doch recht früh am Abend kapitulieren und fragte Julie um 9, ob ich schon Feierabend machen kann. Ich durfte. Man war ich gerädert, aber immerhin war es doch ein spannender Tag, ich hab ordentlich Bewegung bekommen und durfte auch mal hart arbeiten, und es hat mich immerhin so gut unterhalten, dass ich angeboten hab, bei den 862 neuen Schafen nächste Woche wieder mit anzupacken (wobei ich dafür vermutlich nach eins, zwei freien Tagen bei Julie anklopfen werde). Bis dahin geht es aber erstmal wieder ausgeruht in den Pub.

Schafslabyrinth


Bitte einmal „Aaaaah“ sagen…


…und kurz stillhalten.


Schatten, es gibt Schatten!


Schafetreiben auf Australisch und im Schritttempo.


Gary, Baz, Frenchy, Humper, 4 Dosen Export und ich.

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