Im Süden nichts Neues

Ich hab ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich hier so lang nichts verlauten hab lassen – aber dann war auch einfach nicht viel los, vom Arbeiten mal abgesehen.  Wir waren jetzt über eine Woche ausgebucht mit Übernachtungsgästen, und genau in dieser Zeit hatte Julie einen Termin, der einige Tage Abwesenheit bescherte, und dass ausgerechnet dann, als der Besitzer des Pubs, Oby, für seinen Kontrollbesuch einflog. Oby ist in gewisser Weise ein Phänomen: Er hat den Pub gekauft, aus Gründen, die keiner nachvollziehen kann, in einer Stadt, die er vorher nie besucht hat, und obwohl er überhaupt keinerlei Talente im Kundenservice aufweisen kann. Er lebte einige Jahre im Pub und arbeitete hier, bis er das aufgrund verschiedener Krankheiten aufgeben musste und deshalb Julie als Managerin einstellte. Schon bevor Oby eintraf, wurde ich quasi von jedem Stammgast vorgewarnt und mit Horrorstories über Obys unterdurchschnittlichen sozialen Fähigkeiten konfrontiert, was dann aber zum Glück alles nicht so schlimm war, vermutlich auch, weil Julie ihn vorher in ein ernstes Gespräch über den Umgang mit Barmaids, von denen man im Alltagsgeschäft abhängig ist, verwickelte. Stressig war es lediglich, weil er einfach zu alt ist um zu arbeiten – und man deshalb quasi ständig hinter ihm herrennen musste, um die Mehrarbeit, die er verursacht auch noch unter Kontrolle zu kriegen. Und spätestens, als ich ihm dann beim Anziehen von Socken und Schuhen an die Diabetes- und Raucherbeingeschädigten Füße (5 Zehen – insgesamt) helfen musste, wusste ich dann auch wieder, warum ich nie Altenpfleger werden wollte…

Ansonsten geht alles seinen gewohnten Gang, die Arbeit macht nach wie vor Spaß, mittlerweile darf ich dann auch mal die Küche schmeißen, auch wenn damit meist die Bedienung der Friteusen gemeint ist… das Menü setzt sich schließlich vorrangig aus Leckereien a la Fish’n’Chips oder Steakburger zusammen. Komm ich endlich doch noch zur Burgerbraterei (was mir gestern ein ordentliches Lob eingebracht hat: Offensichtlich produzierte ich da die besten Burger, die einer der Bauarbeiter seit langem gegessen hatte. Na denn, wenns sonst nichts wird mit der Politikwissenschaft…). Insgesamt ist die Küche, und insbesondere die Gefrierschränke, ein Alptraum für jeden Vegetarier, das einzige nicht-befleischte Gericht auf der “Karte” ein Korb Pommes. Aber dann sind wir hier halt auch einfach mal in einem Countrypub in einer Farmergegend, wo Vegetarier eine nicht messbare Minderheit darstellen.

Erst gestern hatte ich mit einem der Farmer, Trent, auch ein Stammgast im Pub, ein Gespräch über die Tierhaltung hier im Gebiet und das Wirtschaften im Allgemeinen, da es seit einiger Zeit Probleme mit dem Export gibt. So durften einige Wochen lang keine Schafe aus dem Hafen von Perth exportiert werden – Lebendschafe, wohlgemerkt, die da quasi in der Luft hingen, auch versorgungstechnisch – was einfach mal eine Sauerei ist. Die Tierrechtler argumentieren, verständlicherweise, dass es eine Sauerei ist, die Tiere so lange auf Reisen zu schicken, ein Punkt, den die meisten Farmer auch so sehen, sie wollen ihre Tiere schließlich auch nicht leiden sehen. Allerdings gibt es Probleme mit den Hauptabnehmerländern der Exporte, vorrangig muslimische Länder von Saudi-Arabien bis Pakistan, die die bereits geschlachteten Tiere nicht abnehmen wollen. Unter anderem, weil der Preis für das Fleisch dann zu teuer wäre, da das Schlachten in Australien aufgrund seiner hohen Personalkosten, den Preis ziemlich schnell nach oben treiben würde. Ein Problem, dass sich die Farmer mit der gesamten Rohstoffindustrie Australiens teilen und was eine der größten wirtschaftlichen Probleme in diesem Land ist – kaum weiterverarbeitende Industrie, weil die Endprodukte zu teuer für den Markt sind -, wenn man jetzt mal davon absieht, dass es den Menschen hier schon eigentlich verdammt gut geht. Ohne jetzt weiter in die Problematik einzusteigen ist es natürlich auch hier einfach so, dass die Menschen dann doch lieber das billigere Produkt aus dem asiatischen Raum kaufen, statt Australian Made – obwohl dass gerne im Fernsehen angepriesen wird, frei nach dem Motto: Kauft Australian Made und unterstützt Jobs in Australien.

Nochmal kurz zum Fleisch: Was ich erstaunlich finde, ist die Tierhaltung hier, und da gab mir Trent gestern abend auch Recht. Die Tiere stehen hier, wie man es sich vom Bio-Öko-Weltrettungsbauern wünscht, auf der Weide. Das ganze Jahr. Australien hat einfach kein Platzproblem. Und so sind die durchschnittlichen Farmen hier auch eine ganze Spur größer als ich das von zu Hause gewohnt bin (die größte Station soll im Northern Territory sein und die gleiche Fläche wie Belgien einnehmen), und man hat genug Grund, um die Tiere einfach darauf zu halten. Auch ist es wohl einfacher und, wer hätte das gedacht: kostengünstiger, die Tiere so zu halten, da die Massenhaltung im Stall mit deutlich höherem Personalaufwand und entsprechenden -kosten (da haben wir sie wieder) verbunden ist. Irgendwie wenig überrascht hat mich dann, dass es vor allem die Deutschen waren, die sich Trent jedes Jahr zum Ernten ranholt, die mit dieser Haltung ein bisschen überfordert waren und ihm rieten, auf Stallhaltung umzusteigen, statt die Tiere einfach draußen zu lassen. Ganz ehrlich: Wenn die Tierhaltung in Deutschland sich am australischen Beispiel orientieren würde (auch wenn die hier deswegen noch lange keine Engel sind), wäre das schon ein ziemlich signifikanter Fortschritt weg von dieser elendigen Massenhaltungs- und -konsumindustrie. Aber nimm mal ja niemand den Menschen ihr Billigfleisch!

Auch mit Tieren, und ebenfalls nicht zur Freude der Tierrechtler, ist dann auch der nächste Punkt, der seit Wochen im allgemeinen Bewusstsein herumgeistert: Am Dienstag ist der Melbourne Cup, das international wichtigste Pferderennen (versichern mir die Australier) und daher einer der wichtigsten Tage im Leben der Sport- und Wettennation. Nicht ganz so wichtig wie das Footy Grand Final, of course. In Nyabing gibt es ein gemeinschaftliches Pferderennengucken, natürlich inklusive der entsprechenden Kleiderordnung. (Verdammt – wo krieg ich einen Hut her?!?) Einige Mitarbeiter des Shire – also der Gemeinde – haben bereits verlauten lassen, dass sie alle an dem Tag frei kriegen. Offensichtlich kann man nicht erwarten, dass Arbeit verrichtet wird, wenn in der anderen Ecke des Landes ein paar Pferde Richtung Zieleinlauf getriezt werden. Vermutlich wird es auch vor Ort einiges an Wetten geben, wo ich mich dann vielleicht auch mal beteiligen werde, denn Wetten ist ja auch eine Art Nationalsport, oder wie mir das erklärt wurde: Australier wetten auf alles – notfalls auch darauf, welche der Fliegen an der Wand als Erste die Decke erreicht. Schon jetzt gibt es einen klar erkennbaren Anstieg der im Fernsehen übertragenen Rennen zu verzeichnen und auch hier im Pub wurden schon Spontanwetten veranstaltet. Auch jetzt laufen gerade einige Pferdchen durchs Bild.

Im Pub hat sich jedoch etwas getan, der Dining Room erstrahlt im renovierten Glanze. Nach etwas überdurchschnittlichen Regenfällen letztes Jahr gab es hier im Pub einige Wasserschäden, die nun endlich, da die Versicherungen das durchgewunken haben, repariert wurden (wohlgemerkt, nur Innen, das Dach wurde nicht entsprechend auf neuerliche Regenereignisse dieses Kalibers angepasst). Und so bekam der Dining Room eine neue Decke, neue Farbe und einen neuen Teppich. Feinfein. In dem Zusammenhang hat Jarrad, der Maler und ebenfalls Stammgast, dann auch noch einige andere Räume im Pub zumindest notdürftig verbessert, wobei die Entfernung der wassergeschädigten Tapete in der Lounge sicher am meisten Spaß machte – seit er 20 Monate in Deutschland gearbeitet hat, kann er keine Tapeten mehr sehen. Ansonsten mochte er das Land eigentlich sehr, sehr gern, nur immer diese Tapeten… Mit ihm rede ich hin und wieder ein bisschen Deutsch, damit er das nicht verlernt, ansonsten vermeide ich es, auch wenn es mittlerweile doch einige mehr in das Gebiet verschlagen hat. Mir sind zumindest fünf bekannt, in der Erntesaison, die gerade angefangen hat, sollen es wohl knapp 50 werden. Plus die Iren und Estonier und und und… Die meisten Farmer fragen jedoch ganz gezielt nach Deutschen, da die für ihre Arbeitsleistung sehr geschätzt werden. Mit meiner relativen Ruhe vorm Backpackertrubel ist es dann vermutlich auch ein wenig vorbei, da ich stark davon ausgehe, dass die Farmer ihre Leute auch immer mal mit in den Pub nehmen werden. Ich bin gespannt, wen es hier so an die Scholle treibt.

2 thoughts on “Im Süden nichts Neues

    • Belgien annektieren, Fine.

      Der Punkt war ja gerade, dass man mal weg kommt von der Massentierhaltung, die moralisch egal wie man es betrachtet, verwerflich ist. Der effektivste Weg dazu wäre ein drastisches Zurückschrauben der was Produktionskapazität, was im Umkehrschluss dann aber auch die Preise steigen lassen würde. Die billigen Preise, die wir für Fleisch zahlen, ist doch ein klares Sympton für einen Angebotsüberschuss. Und das, obwohl wir im Durchschnitt mehr Fleisch zu uns nehmen als jemals zuvor in unserer Geschichte. Das ist doch absurd…

      Aber da für die Meisten billiges tägliches Fleisch dazugehört, wird sich das nicht ändern – vor allem nicht auf nationalem Level, solange man billiges Fleisch von überall sonst herbekommt. Da ist letzten Endes so eine internationale Initiative wie bei den Käfigeiern nötig, um die massenhafte Haltung der Tiere zu unterbinden und ein Minimum an Standards festzulegen. Und um die imzusetzen braucht man auch keine riesengroße Farm… 😉

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