100 Jahre Nyabing

Was für ein Wochenende… Anlässlich der Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen Nyabings war im Ort der Teufel los. Etwa tausend Gäste wurden erwartet – und kamen dann auch – was die Einwohnerzahl mal eben vervierfachte. Und der Trubel ging am Pub natürlich nicht spurlos vorbei: Bereits Donnerstag kamen die ersten Übernachtungsäste, und ab Freitag waren wir komplett ausgebucht – sogar ich musste mein Zimmer räumen, welches wieder zu einem Zweibettzimmer umgestaltet wurde. Nach diesem Wochenende habe ich erstmal genug vom Bettenmachen (aber, wie sollte es anders sein, man hat noch nicht alle Wäsche fertiggewaschen, stehen die Bauarbeiter wieder auf der Matte…).

Das Programm konzentrierte sich auf den Samstag mit einigerlei Attraktionen wie Pferdekutschen, dem neueröffneten historischen Gebäude, Fotoausstellungen mit alten Aufnahmen, einem Autowettbewerb und vielen Essensgelegenheiten. Sehr viel habe ich davon leider nicht mitbekommen – Bier musste ja schließlich auch ausgeschenkt werden. Julie hatte entschieden, dass wir ausnahmsweise schon um 10 Uhr morgens öffnen, damit die Besucher und alten, ehemaligen Nyabinger reinkommen, sich umschauen und in Erinnerungen schwelgen können. Die ersten kurz nach zehn beließen es auch dabei, war ja schließlich zu früh für Bierkonsum. So konnte ich kurz in die Town Hall schlüpfen und mein erstes richtiges Nyabing-Souvenir erwerben: Einen veranstaltungsbezogenen Stubbyholder.*

Bereits ne knappe Stunde später waren dann die Ersten dazu übergegangen, ihre Erinnerungen an vergangene Pubzeiten durch komplementären Alkoholkonsum zu intensivieren. Draußen waren es knapp 30°, genug Grund für ein kaltes Getränk. Da Julie auch Mittag angeboten hatte und deswegen in der Küche fuhrwerken musste, blieb es größtenteils an mir, den nun konstant proppevollen Pub mit Flüssigkeit zu versorgen, und es wollte partout kein Ende nehmen… Irgendwann hatten wir kein Wechselgeld mehr, der Geschirrspüler war konstant im Betrieb und konnte trotzdem den Gläsermangel nicht verhindern – die Gläser kamen zudem immer heiß aus der Maschine, so dass wir irgendwann begannen, sie auf Eis zu legen, um sie wenigstens ein bisschen runterzukühlen bevor wir sie wieder auffüllten… Zweimal mussten Fässer an der Zapfanlage ausgewechselt werden – normalerweise reicht ein Fass etwa ne Woche – was logischerweise immer im größten Trubel notwendig war. Halb kapitulierend holte Julie dann irgendwann ihre Töchter dazu, die wegen der Feierlichkeiten im Ort waren, um ihr bei der Vorbereitung für das Dinner, dass ja auch noch anstand, zu helfen, und auch Gary verbrachte eine Weile ausschenkend hinter der Bar, um mich ein wenig zu entlasten. Es war wie Weihnachten im Einzelhandel, nur deutlich unterbesetzt… Hunderte Leute kamen rein, bestellten verschiedentlich kompliziert zusammengestellte Runden, konfrontierten mich mit Extrawünschen, die ich manchmal nur schwer übersetzen konnte und, was eigentlich ziemlich interessant gewesen wäre, wenn man denn die Zeit gehabt hätte um zuzuhören, erzählten von ihrer Zeit im Pub und Nyabing. Julie bekam dabei irgendwie immer die lustigen Stories – von wegen mit’m Moped durchs Inn – ich hingegen kann nach diesem Wochenende zu Protokoll geben, dass jeder, wirklich jeder, entweder den Pub gebaut, darin gearbeitet oder ihn besessen hat, oder zumindest mit dem Schwager des Vaters des Cousins zweiten Grades, usw…

Gegen 19 Uhr wurde es dann jedoch endlich merklich ruhiger, da am zentralen Festivitätenplatz eine Liveband und Feuerwerk anberaumt war, so dass mich Julie dann ne halbe Stunde raus ließ, damit ich mir das ansehen konnte. Als ich zurückkam, war der Trubel dann komplett vorbei und wir konnten selbst erstmal einen Gang runterschalten, einen Drink zu uns nehmen, und den Tag Revue passieren lassen – Zitat Julie: „The pub didn’t know what hit it.“

Komplett gerädert dachte ich nicht im Traum daran, nachdem wir wie geplant um halb 10 zumachten, noch zum Oval zu gehen, wo eben die große Sause stattfand, und dort zudem noch $10 Eintritt zu bezahlen, aber als ich dann allein im Pub saß, fand ich es auch blöd, dieses eine große Ereignis zu verpassen – also zog auch ich nochmal los. Zu dem Zeitpunkt war dann auch kein Eintritt mehr fällig und ich genoss noch einen schönen Restabend, bis um Mitternacht dann der ganze Spaß recht effizient beendet wurde.

Aber auch wenn ich von der Party außerhalb des Pubs nicht viel mitgekriegt habe, war es trotzdem spannend. Es gab viele fröhliche Gesichter überall zu sehen und ständig trafen sich irgendwelche Menschen, die sich schon seit Jahr(zehnt)en nicht mehr gesehen hatten. Und umsonst war die Plackerei auch nicht: Es gab einen Bonus von $100 – die schweren Beine am Tag danach haben sich also gelohnt, auch wenn Julie und ich uns einig sind, dass wir das jetzt so schnell nicht nochmal haben müssen.

* Stubbyholder, der: Australisches Kulturgut und essentielles Lifestyle-Accessoire, sieht aus wie ein Stiftehalter aus Schaumstoff und verhindert, korrekt angewandt, dass das Bier in der Flasche (= Stubby) oder der Dose zu schnell warm wird (und die zarten Farmerhände nicht auskühlen, natürlich).

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