Urlaub im Tal der Giganten

Während am Nebentisch ausgiebig in Deutsch über die Frage diskutiert wird, ob man die Rückflüge ab Chicago upgraden soll, oder doch eher den Hinflug nächsten März – was meines Erachtens eine etwas ausgiebigere Weltreise andeutet – nutze ich heut mal ganz stylisch meinen Computer im Phillipino Café in Walpole und schreibe am Blogeintrag während ich auf meinen Burger warte. Begrenztes Speisenangebot und kein Wlan, wir sind ja schließlich keine Hipster hier. Ich bin in Walpole, weil ich drei Tage frei habe – sozusagen Urlaub im Urlaub. Und damit keine Langeweile aufkommt, habe ich mich hinters Lenkrad geklemmt und bin gute 300km gen Südküste ins 300-Seelen-Nest Walpole gefahren, welches im Gegensatz zum malerisch-einsamen Nyabing noch mit anderen Attraktionen aufwarten kann.

Sehenswürdigkeiten sind in der Regel gut ausgeschildert.

Auf dem Weg kam ich an Albany vorbei, einer Kleinstadt (deutscher Maßstab) mit etwas mehr als 30.000 Einwohnern und ob ihrer Größe das zentrale Shoppingparadies für die umliegenden 200km. Andere Attraktionen auf dem Weg waren meine erste Schlange in der Wildnis – plattgefahren auf dem Highway – sowie ein Kookaburra auf ‘nem Geschwindigkeitsbegrenzungsschild, wobei ich dann heute auch einmal das typische Gelächter dieses Vogels vernehmen konnte. Auch stoppte ich das erste Mal an einem typisch australischen Roadhouse – ein Versorgungsposten mit Benzin, einem kleinen Lädchen mit dem Allernötigsten zu überteuerten Preisen (wie man das von Tankstellen halt so kennt) und sonst nix drumherum, weswegen man dann auf den längeren Strecken durch die Pampa… das Outback nicht um diese Minimonopolisten herumkommt. Kurz vor Walpole war ich dann jedoch kurzzeitig verwirrt, ob ich denn wirklich die richtige Abzweigung genommen hatte…

Eine gewisse Nähe zum skandinavischen Kleinstaat hatte ich ja erwartet, seit der Herr Kronprinz aus Übersee eingeheiratet hat…*

Insgesamt verbrachte ich etwa sechs Stunden auf den 300km Strecke, was aber vor allem verschiedenartigen Fotostopps zu schulden kam. An dieser Stelle ist dann vermutlich auch eine Entschuldigung an die werten Eltern fällig, die sich damals im Irlandurlaub mit einer pubertierenden Tochter herumschlagen mussten, die überhaupt nicht einsehen konnte, warum man denn jetzt bitteschön schon wieder anhalten musste, um schon wieder einen grünen Hügel zu fotografieren. Sieht so aus, als hätte ich mich in dieser Hinsicht weiterentwickelt. Zumindest weiß ich, wo’s herkommt… Die Strecke war allerdings auch sehr schön und südlich von der Stirling Range (die ich nicht wirklich bewusst auf dem Radar hatte und dementsprechend beeindruckt von dem aus dem Nichts auftauchenden, nur mittel großen Gebirgszug war) die Vegetation ausgiebig grün und üppig. Da scheint mir ein Zusammenhang zum Seeklima zu bestehen…

In Walpole angekommen bezog ich mein Quartier in der hiesigen YHA und profitierte vom Umstand der Nebensaison. Statt Mehrbettzimmer bekam ich mein eigenes Zweibettzimmer ohne Aufpreis. Yes! Dinner nahm ich auch gestern im Phillipino Café zu mir, lecker Curry, was vor allem dem Mangel an Alternativen geschuldet ist. Wobei man sagen muss, dass Walpole aufgrund seiner Situation am Highway und natürlich als touristisch wertvolles Ziel schon deutlich besser ausgestattet ist als Nyabing. Walpole liegt nämlich, und jetzt kommen wir auch zum Grund meines Besuchs hier, im Valley of the Giants, ein Wald mit großen, einmaligen Bäumen. Und da wir ja alle wissen, dass ich durchaus mal durch die Weltgeschichte fahre, um Bäume anzuschauen, war das ein durchaus ansprechendes Reiseziel. Heute morgen fuhr ich also raus Richtung Nationalpark und schon bei der Fahrt konnte man die Tingles und Karris in zu Hunderten sehen.

Im Park kann man dann an kostenlosen Führunden teilnehmen, auf der ein Botaniker eine gute halbe Stunde auf dem “Ancient Empire”-Rundweg so ziemlich alles mit wunderbaren Anekdoten erklären kann. Nicht nur, wie die Tingles funktionieren, und was sie so Einzigartig macht, sondern auch die anderen Pflanzen und Tiere im Wald und auch darüber hinaus. Fragen wurden  engagiert beantwortet und man brauchte nur ein Stichwort fallen lassen und es kamen neue Geschichten und andere wissenswerte Fakten. Eine wunderbare, ansteckende Begeisterung ist die unvermeidbare Folge und erinnerte mich ein wenig an gewisse Geoprofessoren, die sich von einzelnen Steinen zu angeregten Debatten und Vorträgen hinreißen lassen können. Auf jeden Fall eine großartige Form der Wissensaneignung.

 

Tony steht neben einem Strauch, dessen Blüten nach Katzenpisse riechen. Ich hab dran gerochen. Japp, unkastrierter Kater, stimmt genau.

 

Das Faszinierende am Park sind die Tingle-Bäume, die es nur hier, auf einem etwa 6000 Hektar großem Waldgebiet gibt, und nirgendwo sonst in Australien oder der Welt. Sie sind nicht die Höchsten – werden “nur” bis zu 75m hoch, sind also ein ganzes Stück kleiner als die ganz Großen, die mit Höhen von 120m und mehr aufwarten und zu denen auch die Sequoias im Yosemite National Park in den USA gehören – jedoch im Umfang sind sie ganz Vorne mit dabei. Trotz ihrer nicht zu verachtenden Größe verfügen die Tingles, im hiesigen Falle Red Tingles, nämlich nur über ein bis 1,5m tiefes Wurzelwerk. Mehr geht nicht, ob der eher flach ausgebildeten Bodenschicht. Damit die Bäume bei so einem Statikverhalten nicht umkippen (und sie sind wohl sehrsehr windempfindlich – letztes Jahr gab es wohl einen Sturm, da sind sie dutzendweise umgefallen) gehen sie direkt über dem Boden stark in die Breite, nur um dann im Inneren das Holz absterben zu lassen. Das solcherart unnütze Holz wird durch Buschfeuer, Pilze und Insekten beseitigt und lässt dann einen halb hohlen Baum zurück, der eine sehr gute Statik hat. Trotz ihrer recht sensiblen Wurzeln ist das Ganze also recht stabil, bleibt allerdings anfällig, wenn sie durch Herumtrampeln geschädigt werden.

Grandma Tingle

Damit der Tourismus die Bäume also nicht weiter beeinträchtigt und um eine gänzlich andere Form des Waldrundgangs zu erschaffen, gibt es den Tree Top Walk, eine Konstruktion von mehreren Hundert Metern Länge, die gerademal 3m² Waldboden in Anspruch nimmt. Auf Pfeilern sind Brückensegmente bis in eine Höhe von 40m angebracht, auf denen man quasi auf Baumkronenebene durch den Wald wandeln kann. Die Brücke schwingt dabei leicht, was jetzt nicht gerade Vertrauen stiftet (wie ich finde) allerdings wohl stabil genug ist, um darauffallende Bäume auszuhalten, wie im Sturm letztes Jahr dann auch mal ausgetestet wurde. Sehr beeindruckend, das Ganze, wobei ich die Führung am Boden weitaus spannender fand.

Höhenangst? Ich doch nicht… Aber muss das so wackeln?

Da nach diesem Ausflug der Tag erst halb vorbei war, fuhr ich dann noch zu einem anderen sehr großen Tingle Tree, lief ein wenig durch Walpole und fuhr dann doch noch mal raus, zum Conspicuous Beach, von dessem Lookout man mitunter wohl Wale sieht – wenn welche da sind. Ich musste mich mit wunderschöner Küstenlandschaft begnügen, bevor ich wieder zurück in die Stadt fuhr. Morgen geht es dann wieder nach Nyabing, doch auf dem Weg dahin hab ich mir auch noch etwas vorgenommen.

 

Hat was Dänisches, doch…

*Spoiler: Der Ort Denmark hat nichts mit dem Staat zu tun. Ganz offensichtlich gab es britische Einwanderer, die entsprechende Familiennamen trugen. Inwieweit diese wiederum jedoch mit dem Staat zusammenhingen ist nicht bekannt.

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