Schäfchen zählen

Old big Snaggers has a farm… Oder so ähnlich. Snaggers (nicht sein richtiger Name) ist Stammkunde im Nyabing Inn und besitzt, wie die Meisten hier in der Gegend eine Farm. Die hat er von seinem Vater (wenn ich nicht irre), Leo – ebenfalls Stammkunde (seit 53 Jahren!), der mit seinen 79 Jahren aber noch fit genug ist, um dort auch mitzuarbeiten. Leo hat mich wissen lassen, dass diese Woche die Schafscherer da sind, um – ja, äh, Schafe zu scheren. Ich fragte also brav an, ob ich denn wohl mal zuschauen dürfe. Natürlich durfte ich. Also befand ich mich heut nach meinen Standards früh auf dem Weg zu Snaggers Farm. Die liegt ungefähr 10 km außerhalb von Nyabing, wobei man nach 5km abbiegen muss auf die, sagen wir, Hofeinfahrt.

Donald, mal wieder auf nem Dirttrack.

Dort angekommen – laut Leo erkennbar an der Menge an herumstehenden Gerät – parkte ich mein offensichtlich doch recht verkehrstaugliches Auto und orientierte mich auf dem Gelände. Es stand wirklich eine Menge an Gerät herum.

Ein alter Traktor. Es muss ja auch die männliche Leserschaft bedient werden…

Der Weg zum Ort des Geschehens war recht einfach zu finden, man musste schlicht der lauten Musik folgen, die aus einem recht großen Schuppen herüberschallte und die ein andauerndes, an Zahnarztbesuche erinnerndes Zzzzzt-Geräusch zu übertönen versuchte. Dort angekommen fand ich zwar den Schertrupp, jedoch weder Snaggers noch Leo, was aber kein Problem war, man kann sich ja auch mit den Scherern verständigen (bezüglich Fotografiererlaubnis, beispielsweise) und so richtete ich mich zaghaft ein und lief vorsichtig und offensichtlich immer in irgendwelchen Wollwurfflugzonen herumstehend ein wenig herum um mich zu orientieren. Das Ganze ist ein recht durchorganisiertes Unternehmen, in diesem Fall mit neun Arbeitern, von denen vier Schafe schoren, und in dem somit auch einiges an durchchoreografiertem Trubel herrscht.

Scherenscherenscheren

Kurz nach meiner Ankunft war jedoch auch Frühstückspause und so konnte ich mich mit Dennis, einer der Hilfskräfte, der mir ein wenig über die Funktionsweise des Teams erzählte, sowie nach welchen Kriterien die Qualität der Wolle bestimmt wird (sogenannte Microns, was aussieht wie ganz, ganz kleine Wellen im Haar, und die wohl Auskunft geben über die Entwicklung des Schafes seit seiner letzten Schur – wobei ich bei den mir gereichten Beispielen keine Unterschiede feststellen konnte, alles gleich weich-klebrig…). So ist die Wolle am Bauch und rund um den After nicht so gut und wird daher als erstes abgeschert und zur Seite getan, bevor dann der Rest mehr oder weniger an einem Stück abgeschert wird. Auch mit Michael James (das ist der mit dem grün-orangenem Shirt) kam ich ins Gespräch, er ist der Chef der Truppe und ihr schnellster Scherer, er schafft circa 200 Schafe am Tag. Michael ist ein Kiwi, fing vor 20 Jahren mit dem Scheren an – da war er 16 Jahre alt, und lebt 10 ½ Monate im Jahr in Australien, wo er von Katanning aus mit seiner Truppe zum Scheren ausrückt. Er verriet mir einige Details, über die Länge der Schersaison, oder dass die Schafe die da geschoren wurden Merinos und Kreuzungen verschiedener Schafsorten sind. Aber auch, dass Snaggers Herde mit etwas mehr als 2000 Schafen im durchschnittlichen Bereich liegt – große Herden haben dann 5000 – 6000 Schafe, das Ganze versteht sich plus Lämmer – und wieviel man bei der Arbeit so verdient. Ein Schafscherer bekommt bei ihm $2,84 pro Schaf, die Hilfskräfte liegen bei $25 pro Stunde, der Mann an der Wollpresse – in diesem Fall sein Sohn – bekommt $30 und der Grader, also der Verantwortliche für die Qualitätskontrolle, bekommt $37.

Michael James mit Wollberg und Schaf irgendwo dazwischen.

Die Arbeit der Truppe zu beobachten war ohne Zweifel sehr beeindruckend, vor allem das Tempo, mit dem die einzelnen Schafe frisiert werden, auch wenn es ob der Schnelligkeit und des Arbeitsablaufs nicht gerade zimperlich zugeht. Wer sich sowas mal anschauen will, dem empfehle ist – falls es an Scherern im direkten Umfeld mangelt, eine Suche nach Videos von Shearing im Internet (es gibt auch World Championships, wenn ihr euch gleich die Allerbesten anschauen wollt). Erstmal muss natürlich ein Schaf geholt werden, da die aus verschiedenen Gründen nicht freiwillig antreten. Der Scherer geht also in ein Gehege rein, packt sich ein Schaf und zieht es raus, spannt sich selbst in die Halterung ein und das Schaf zwischen die Beine und greift sich das Schergerät. Angefangen wird, wie schon gesagt, mit dem Bauch und Hintenrum, dann wird meist an einem Bein begonnen, und von dort aus Kopf und Körper geschoren. Wenn das Schaf dann nackig ist, wird es recht unsanft aus der Luke auf die Rampe nach draußen geschoben – Schafe haben offensichtlich kein Bedürfnis, auf Rampen zu gehen – wo sie dann nach einigen wackligen Schritten sich sammeln und zu den anderen Schafen joggen. Das Ganze dauert pro Schaf weniger als fünf Minuten.

Nach dem Friseurbesuch

Zwei Hilfskräfte sind konstant mit dem Einsammeln der Wolle beschäftigt, einmal die großen, wie an einem Stück abgeschorenen Wollberge nach jedem Schaf und zwischendurch mit einem Abzieher alles, was an Kleinkram und Büscheln so rumfliegt. Der Kleinkram sowie die Bauchwolle kommt in Säcke mit Wolle niedriger Qualität, der Wollberg hingegen wird dem Grader auf eine Arbeitsfläche gelegt, wo er dann Stellen, die nicht so gut sind rauspflückt, und dann den Rest auf entsprechende Wollberge packt, von wo dann der Junge, der die Wollpresse bedient, sich was wegnimmt, um sie in große Ballen zu packen. Ein so ein Ballen fasst etwa 170kg Wolle und bringt zwischen $1000 und $1500.

Wolle.

Beim Sortieren.

Den vermutlich spaßigsten Job hat jedoch vermutlich der Junge, der für den Nachschub an Schafen sorgt. Vorm Schuppen war ein Gehege, in dem einiges an Schafen rumstand und auf den Schertermin wartete, und wenn sich im Innenraum die Bestände leerten, wurden mit den zwei Schäferhunden von draußen neue Exemplare reingeholt. Das Alles wird unternommen unter ständigem Balancieren auf den Gattern zwischen den verschiedenen Absperrungen und die Hunde spazieren – vermutlich der Übersichtlichkeit halber – gerne einfach direkt über die Schafe statt daran vorbei.

Und er kann es offensichtlich gar nicht erwarten, dass aus der Wolle ein weiches Kuschelkissen gezaubert wird…

Zwischenzeitlich kamen dann auch Snaggers und Leo mal vorbei um nach dem Rechten zu sehen und so konnte ich auch mit ihnen ein bisschen über die Schafe und das Scheren quatschen und ihnen dabei zusehen, wie sie sich beim Schafe in eine Richtung treiben von den Schafen austricksen ließen.

Snaggers und Leo (im Schatten)

Hui, das war jetzt ganz schön ausführlich, aber so kann man glaub ich ganz gut nachvollziehen, wie das funktioniert, wenn man es selbst noch nie gesehen hat. Und einmal niedergeschrieben laufe ich zumindest nicht Gefahr, die Erfahrungen in der Flut der kommenden Ereignisse zu vergessen. Ich hatte auf jeden Fall einen sehr aufschlussreichen Tag und mich sehr gut unterhalten und bin gespannt, was ich noch so an Farmleben mitbekomme, solange ich hier verweile. Und bevor ich jetzt noch mehr rumtexte (liest das noch irgendwer?) gibt es noch ein paar bunte Eindrücke und die Antwort auf die Frage, wie man heutzutage Schafe zählt: Strichlisten waren gestern, es gibt Türzähler!

Warten auf den Friseur.

Reger Betrieb hinterm Schuppen

Niedlichkeiten

Back to the Weide

 

3 thoughts on “Schäfchen zählen

  1. ich auch! du solltest deinen Blog einfach am Ende ausdrucken und nem Verlag schicken und viiieeel Geld damit verdienen! Du schreibst so herrlich!Echt!

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