Alltag.

Ich hab Mutti versprochen, dass ich heute einen Blogeintrag verfasse, also bitte: Noch bin ich mir nicht sicher, was ich überhaupt berichten kann, aber ein bisschen was find ich ja eigentlich immer zu Erzählen. Ich hab einige wenige, an einer Hand abzählbare, neue Bilder auf Flickr hochgeladen – da kann man auch gucken gehen, falls man dringend etwas zum Prokrastinieren braucht (ich kann mir vage vorstellen, wer sich da eventuell angesprochen fühlt).

Man könnte mal wieder über das Wetter sprechen, das benimmt sich in den letzten Tagen nämlich ausgenommen unberechenbar. Vor ein paar Tagen hatten wir noch winterliche irgendwas-zwischen-15-bis-20-Grad, mit nächtlichen Temperaturstürzen bis in den unteren einstelligen (laut Wetterbericht um Perth sogar negativen) Zahlenbereich. Die elektrisch beheizbare Decke wurde in diesen Nächten tatsächlich eingesetzt (weil, wer hätte das gedacht: Keine Dämmung, sondern, sind wir ehrlich, eine Bauweise die noch runterkühlt, was im Sommer garantiert noch wichtig sein wird). Innerhalb von zwei Tagen zischte dann ein Hoch drüber und brachte Temperaturen von mehr als 30 Grad, eher irgendwo bei 35, und ich entledigte mich nachts sogar der ein oder anderen Decke… Nur um dann seit gestern wieder irgendwo bei unter 20 Grad rumzudümpeln – und ja, ich helf gerade mit der Bettbeheizung nach, weil es ist kalt. Meine Finger sind schon ein wenig starr. Mir wird weiterhin versprochen, dass es irgendwann wirklich warm werden wird.

Während der Arbeitszeit verlasse ich, wenn es fröstelt und sonst nichts los ist, durchaus mal den Posten hinter der Bar und flüchte aus dem Einzugsbereich des Kühlraums vors Feuer um dem entgegenzuwirken. Nachdem die erste Woche ja doch konstant reger Betrieb herrschte, hat es sich die letzte Woche etwas beruhigt und von einigen Rush-Zeiten mal abgesehen (es fährt wirklich ein oder mehrere Busse vor – Schafscherer) war mitunter den ganzen Nachmittag gar nichts los oder schon früh der Letzte raus. Diese Woche ist es dann wieder etwas belebter, was auch daran liegt, dass die Bauarbeiter das Inn ausgebucht haben und die nicht nur Umsatz in die Bar bringen, sondern zu unserem Leidwesen auch äußerst wählerisch sind was die Essensauswahl angeht (also, zwei essen keinen Salat, drei, nicht notwendigerweise die gleichen, kein Schwein, und Kartoffeln? Kann man auch Pommes haben?…). Schnäbel, wie Mutti sagen würde. Julie muss jetzt also ausgiebig Extrawürste bei der Dinnergestaltung beachten und auch die Lunchbaggestaltung zieht sich in die Länge (getoppt von einem, der seine Sandwiches bitte extra in Alufolie gewickelt haben will, nicht wie die anderen in Plaste). Andere gehen in die Speisekammer und nehmen von dort mein Privatschokomüsli, was man nur in Katanning bekommt. Und sie verwechseln die Toilette der Ladies mit dem Urinal, trotz meiner dezenten Hinweise (am Spülkasten findet sich ein Zettel, auf dem ich darauf hinweise, dass man sich zumindest hinsetzen kann, wenn man schon zu faul ist, den Gang zur Männertoilette nebenan auf sich zu nehmen), dass ich das nicht schön finde. Warum kann man sich nicht einfach hinsetzen, dafür hat es doch einen Toiletten-„sitz“? Die Jungs, die wir vorher hatten, waren irgendwie pflegeleichter…

Zumindest Julie ist ein bisschen zufrieden: In einem Tauschgeschäft, welches mich persönlich stark an die Geschichten meiner Eltern über die DDR erinnert, hat sie die Jungs dazu bekommen im Austausch für zwei Kästen Bier (immerhin 100$ Mitnahmewert) ihren Restasphalt von der Baustelle in die Löcher im Hinterhof zu kippen und die Stufe am Lagerschuppen, die zunehmend schwieriger zu überwinden war, etwas anzugleichen.

Diese Eine-Hand-wäscht-die-Andere-Methode ist hier recht augenscheinlich weit verbreitet. Der Eine hilft dem Anderen auf seiner Farm, dafür hilft Letzterer dann beim Transportieren verschiedener Güter, der Inhaber des General Stores lässt Julie auch am Feiertag mal fix für die Bar einkaufen, der Mechaniker repariert während des Kneipenbesuchs mal eben die problematische Bierfasskühlung, ein Anderer wiederum bringt aus dem Bush dem selbstgelernten Möbelbauer eine Ladung Holz mit… Man hilft sich, man organisiert sich, wie man sich das vom Landleben und in kleinen Gemeinden halt so vorstellt.

Dass Australier eine insgesamt sehr freundliche, fröhliche Truppe sind, wurde mir bisher ja bereits ausgiebig bewiesen, wobei ich mittlerweile dann auch mal ein paar andere Charaktere kennenlernen durfte. Peter beispielsweise, ein sehr netter, diabetesgeplagter Mann, aber auch ein gottesfürchtiger irisch-kroatischer kommunistischer Rassist mit ausgiebiger Gefängniserfahrung – so eine Kombination ist tatsächlich möglich – der sich konstant darüber aufregt, dass die heutige Jugend verweichlicht aufwächst und nicht mehr so hart wie er damals. Und dann erzählt er hin und wieder davon, wie er damals Frauen beeindruckte, indem er Männer, die sich ihnen gegenüber daneben benahmen, ordentlich verkloppt hat. Insgesamt eher ein Typ, mit dem man sich nicht anlegen will, auch wenn er jetzt ja viel ruhiger geworden ist und das Landleben in Nyabing genießt, weil man in so einer kleinen Stadt sich ja auch benehmen muss, ansonsten ist man ja ganz fix raus. Das lässt mich manchmal dann doch etwas sprachlos dastehen.

Mehr Sprachpensum und auch Spaß gibt es dann im allgemeinen Barbetrieb mit den immer gleichen Stammkunden – KR (oder auch 3.5 – ich versuche nach wie vor Namensschilder mit entsprechendem Vermerk des bevorzugten Getränks durchzusetzen) weist üblicherweise darauf hin, dass er gern einen Haircut hätte, wenn man ihn nicht quasi sofort bedient, weil er ja ganz offensichtlich nicht anwesend ist, um einen Drink zu bekommen (mittlerweile hab ich immer ne Schere greifbar: „Sure.“). Seit Tagen lege ich mich mit Gary – wir erinnern uns: Julies Ehemann – an wenn er einen weiteren Drink will, weil er „signs of intoxication“ zeigt (das Bedienen von Betrunkenen, laut meinem Alkoholausschankonlinetestzertifikat, welches man in Australien nun mal haben muss, kann heftige Geldstrafen nach sich ziehen) und wir drohen uns gegenseitig mit der Managerin… und so hat man seine kleinen Wortgefechte und wird – angefeuert von der Managerin – immer frecher und erarbeitet sich zunehmend einen guten Stand mit den Locals. „She’s a good one“ hab ich jetzt durchaus schon ein paar Mal vernommen. So kann das gerne weitergehen.

Nicht weiter geht jetzt allerdings der Blogeintrag – es ist mittlerweile 4 Uhr morgens (die Kommunikation zwischen Laptop und Internet via Mobiltelefon ließ arg zu wünschen übrig) und ich will dann doch langsam ein wenig schlafen. In diesem Sinne: Gute Nacht.

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