Wahlmöglichkeiten

Ohne jetzt eine große Feminismusdebatte* lostreten zu wollen – auch wenn sowas nach solchen Ankündigungen vermutlich unvermeidbar ist – möchte ich kurz etwas zum Thema Frauen in der Werbung loswerden. Seit einiger Zeit beschäftigt es mich, wann immer ich auf dem Weg zu Arbeit an diesem Werbeplakat vorbeilaufe:

Für sich bereits interessant finde ich, dass das dargestellte Model obenrum nackt ist, und die Werbung zumindest optisch auf Männer ausgelegt zu sein scheint – und dass, obwohl für eine Kleidungshandelskette Werbung gemacht wird, die explizit nur Frauenbekleidung führt. Ansonsten ist eine solche Darstellung einer Frau eigentlich werbetypisch und in dem Sinne nichts besonders: Sexy, halbnackt, erotischer Blick… tausendfach gesehen, keinen Aufreger wert. Der Aufhänger, der mir jedoch nervigsauer aufstößt, ist der dazugehörende Werbespruch neben dem Model:

„Sexy or sexy, that is the question.“ Entschuldigung? Selbst Hamlet hatte damals mehr Optionen! Ist das jetzt die Auswahl an Wahlmöglichkeiten, die mir in einer angeblich gleichberechtigten Gesellschaft angeboten wird, damit ich meine „Entscheidungsfreiheit“ ausüben kann?

Oder interpretiere ich einfach nur zu viel hinein, weil schließlich ist es doch normal und ganz sicher nicht ernstgemeint, dass überall in der Werbung aufreizende Frauen als Identifikationsbilder oder Attraktion eingesetzt werden – was ist schon so schlimm dabei? Nun, einige finden, es ist geradeheraus Sexismus. Ob man dem zustimmt oder nicht, oder wenn ja nur partiell oder in welcher Art und Weise auch immer – das in einer durch und durch mediatisierten Welt eine gewisse Medienkompetenz zum Grundrüstzeug gehört, um überhaupt halbwegs den Überblick behalten zu können, sollte eigentlich allgemeines Grundwissen sein. Umso unterhaltsamer ist es dann, wenn man seine eigene Reflexionsleistung hin und wieder auch mal überdenkt, angestoßen bei mir zuletzt beispielsweise durch das obige Plakat, aber auch durch Berichte über die Bezugsgruppe Beckham oder, sehr unterhaltsam aber leider nur auf Englisch, durch die Videos von Target Women:

Was für Frauenbilder werden in der Werbung vermittelt – und was für Männerbilder? Wo fängt Sexismus an, wo hört er auf? Ist es normal, wenn Frauen einem täglich hundertfach entkleidet oder in sexualisierten Kontexten (natürlich gern auch in ironischem Zusammenhang *winkwink*) dargestellt werden? Und wieso bedarf das weibliche Erscheinungsbild zusätzlich auch noch einer ständigen Optimierung (*trallalla* Photoshop)? Und wie ist es um eine Gesellschaft bestellt, in der Frauen, die sich gegen eine solche omnipräsente Reduzierung auf das Äußerliche wehren, mit einem Shitstorm aus allen Richtungen überzogen werden, in denen ihnen Frigidität, mangelnde Attraktivität und auch sonst jegliche positiven Persönlichkeitszüge abgesprochen werden? Und sollte man sich auch als Frau nicht häufiger mal fragen, ob es nicht ein Problem ist, dass wir a) diesen Zustand ebenfalls als Normalität akzeptieren und ihn dann b) mitunter noch selbst fortführen, wenn man uns die Gelegenheit dazu gibt?

Für mich muss ich feststellen, dass ich, seit ich einiger solcher Diskussionen und Überlegungen durchgearbeitet habe, deutlich eher auf die Darstellung von Frauen in der Öffentlichkeit sensibel reagiere. Ich habe schlicht kein Bedürfnis, den lieben langen Tag „perfekte“, halbnackte Frauen in allen Positionen an den Kopf geknallt zu bekommen, selbst ohne die psychologischen Hintergründe und Prozesse komplett zu verstehen, die zweifellos dadurch in einem ausgelöst werden und das eigene Menschen- und Frauenbild beeinflussen. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum eine solche Dauerberieselung aus allen Seiten das Selbstwertgefühl von Frauen manipulieren kann. Was allerdings leider auch nicht heißt, dass ich durch meine Sozialisierung innerhalb dieser Gesellschaft diese Prozesse immer erkennen und entsprechend reagieren kann. Und das ist vielleicht sogar das Beänstigendste daran.

*Das der Begriff Feminismus immer wieder gern für eine Diskussion taugt, ist eigentlich nicht verwunderlich, wenn man sich mal über die Vielzahl an unterschiedlichen Auslegungen Gedanken macht. Im allgemeinen Bewusstsein hat sich hingegen offensichtlich vor allem die militante Ausprägung des Feminismus, die eine Vernichtung der Männer propagiert, festgesetzt, was zumindest auch diese Studie bestätigt, die sich mit der Gender-Problematik bei den selbsterklärten post-gender-Piraten beschäftigt. Aber um das auch hier mal festzuhalten, weise ich gern darauf hin, kein Vertreter der militanten Ausprägung zu sein, auch wenn stressinduziert eventuell durchaus ähnliche Forderungen aus meinem Munde zu hören waren. Alles nur Spaß, Jungs! Ich bin mehr so ein Anhänger von der Gleichstellung von Männern und Frauen in Bezug auf ihre politischen, wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten, also einer Gesellschaft, in der geschlechterabhängige Unterdrückung – egal welcher Ausprägung – nichtexistent ist. Außerdem will ich diesen Film sehen:

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